Ein grandioses Zeugnis timuridischer Kunst

1436 im heutigen Afghanistan entstanden, ist der «Miradschname» ein bedeutendes Zeugnis orientalischer Buchmalerei. Das reich illuminierte Werk erzählt die Geschichte der Himmelfahrt des Propheten Muhammad.

Darstellung der nächtlichen Himmelsreise des Propheten Muhammad nach Jerusalem und von dort durch die sieben Himmel.

 

Neben der Bibel wurde «Tausendundeine Nacht» zur beliebtesten Lektüre des 18. Jahrhunderts. 1704 bis 1708 hatte der französische Orientalist Antoine Galland (1646–1715) diese Geschichtensammlung für Erwachsene übersetzt, aber gleichzeitig die religiösen wie erotischen Komponenten des Originals entschärft. Dadurch erhielt «Tausendundeine Nacht» fälschlicherweise das Image einer Märchensammlung für Kinder. Das Geschichtenkonvolut kennt Erzählungen, die aus Indien eingewandert sind und vor allem aus dem islamischen Orient stammen. Galland übersetzte die älteste erhaltene arabische Handschrift, vermutlich um 1450 niedergeschrieben. Er ergänzte  auch sie mit weiteren Geschichten aus anderen Handschriften (etwa «Sindbad der Seefahrer») oder mit solchen, die er sich von einem maronitischen Christen aus Aleppo, Hanna Diab, erzählen liess («Aladdin und die Wunderlampe», «Alibaba und die vierzig Räuber»). Erst 2004 übersetzte Claudia Ott die «Galland-Handschrift» unverfälscht und ungekürzt ins Deutsche; 2016 ein neu entdecktes glückliches Ende, lange verschollen, falsch eingebunden aufgefunden in einer kleinen Bibliothek in Kayseri, Zentralanatolien.

Schon 1673 erwarb Antoine Galland die hier besprochene Prachthandschrift für den damaligen Botschafter Frankreichs in Konstantinopel. Die Schrift konnte er nicht entziffern; erst eineinhalb Jahrhunderte später gelang es einem Sinologen (Abel Rémusat, 1788–1832), die Schrift dem Uigurischen zuzuordnen. In osttürkischer Sprache mit uigurischen Buchstaben wird die mystische Legende der Himmelsreise von Muhammad erzählt. Die Verse des «Miradschname», dem Buch der Himmelfahrt, verfasste der Dichter Mir Haidar; überliefert ist auch der Name des Kalligrafen: Malik Bachschi. Unbekannt ist hingegen, wer die 61 Miniaturen im 15. Jahrhundert im timuridischen Stil in den berühmten Werkstätten von Herat in Chorasan (heute Afghanistan) gestaltete.

Im Bild links ist die die nächtliche Himmelsreise des Propheten Muhammad nach Jerusalem und von dort durch die sieben Himmel dargestellt. Das Reittier, der Buraq, verändert dabei seine Haltung nicht; es wurde mittels einer Schablone immer wieder ins Bild kopiert. Der Träger ist wie fix, schenkt Stabilität – rundum wirbeln (mongolisch inspirierte) Wolken, Sterne und Himmelskörper. Eindrücklich sind die zwei Miniaturen, da einzig der Prophet sichtbar ist, die in tiefer Verneigung und Versenkung, umflort von Wolken oder reinem Gold: Eine Darstellung Gottes ohne Gottesbild – göttliche Präsenz in Abstraktion.

Die ausgewählte Szene zeigt, wie Gabriel den Propheten im dritten Himmel den biblischen Königen David und Salomo zuführt. Golden schlängeln sich Wolken durchs Bild; die regelmässigen Goldpunkte stellen die Sterne dar. Salomo, Suleiman Ibn Dawud, hat in der islamischen Welt von allen Gestalten Israels wohl das legendenumwobenste Nachleben: Er spricht mit Tieren und gebietet über Dämonen (Teufel und Dschinnen), steht für Exotik und Esoterik. Wo im Qur’an Salomos Begegnung mit der Königin von Saba knapp als Einladung der Völker zum Islam skizziert wird, erweitert und entfaltet «Tausendundeine Nacht» diese Episode sagenhaft über mehrere Nächte …
 
Fast schon volkstümlich ist jene Erzählung aus dem «Miradschname», wo Muhammad von Mose mehrfach zurückgeschickt wird, um die tägliche Gebetszahl von fünfzig auf vierzig, dreissig, zwanzig, zehn, und schliesslich auf die fünf Pflichtgebete pro Tag herunterzuhandeln. So märchenhaft erzählt und dargestellt wird doch die menschliche Realität nicht ausgeblendet. Auch Muhammads Himmelsreise wird ihn wieder in irdische Sphären zurückbringen. Gefragt ist bei allen ausladenden Arabesken und bei aller endlosen Ornamentik doch das menschliche Mass. Im siebten Himmel sehen wir zweierlei Muslime, Gläubige, gute und schlechte. Beim Eintritt in den Palast müssen Letztere draussen bleiben. Im Bild unterscheiden sich die guten Gläubigen in ihren strahlend weissen Gewändern von den schlechten: Diese tragen kleinkarierte Stoffe … Im Gegenzug wäre davon zu träumen, wie ein farbenprächtiger Himmel auch dem grauen Alltag Lichtpunkte aufzusetzen vermag.

Thomas Markus Meier


Thomas Markus Meier

Die Bibelsammlung von Dr. Thomas Markus Meier (Jg. 1965) versammelt neben illustrierten Bibeln und Bibelübersetzungen auch Werke der Bibelrezeption. Etwa literarische Ausfaltungen oder Weiterschreibungen. Seltener auch Bibel- (oder bibelnahe) Illustrationen aus dem Judentum oder dem Islam. Seit gut einem Vierteljahrhundert engagiert sich der Autor im Vorstand der «Gemeinschaft Christen und Muslime in der Schweiz». Dr. Thomas Markus Meier ist zudem Mitglied der Redaktionskommission der SKZ.