Ein lohnender Streit

«Der Mensch ist dem Menschen ein Gott geworden.» Mit dieser Aussage hat Ludwig Feuerbach sich der Religion entledigt. Trotz aller Religionskritik sah Karl Marx dagegen in der Religion auch ein Protestpotenzial.

Karl Marx macht es uns nicht leicht: Er beschränkt sich nicht einfach auf Kirchen- oder Christentumskritik, nein: Für ihn steht Gott selbst auf dem Spiel. Es lohnt sich aber, mit ihm um diesen Gott zu streiten. Ein solcher Streit ist nur dann fruchtbar, wenn er auf einer gemeinsamen Basis erfolgt. Anders als etwa im Falle Nietzsches gibt es diese gemeinsame Basis, und umso grösser ist deshalb die Herausforderung für uns Christen.

Gott als Projektion

«Für Deutschland ist die Kritik der Religion im Wesentlichen beendigt.» So beginnt die berühmte religionskritische Passage bei Marx, in der auch das viel zitierte Opium-Wort vorkommt. Liquidiert hat die Religion Marx zufolge kein anderer als Ludwig Feuerbach, der Gott als die Projektion des Gattungswesens Mensch entlarven wollte: Alle Attribute, die man traditionellerweise Gott zuschreibt – Unendlichkeit, Allmacht, Liebe usw. – sind Eigenschaften des Menschen selbst, aber nicht als Individuum, sondern als Gattung, als Menschheitskollektiv, das sich auf eine immer grössere Vervollkommnung seiner Fähigkeiten hin entwickelt. Dahinter steht natürlich der naive Fortschrittsglaube des 19. Jahrhunderts, den wir heute ganz und gar nicht mehr teilen können.

Allzu gut wissen wir inzwischen darüber Bescheid, wozu dieses Gattungswesen Mensch fähig ist – von Auschwitz bis zur Möglichkeit der Selbstauslöschung unserer Zivilisation. Für uns Christen wäre der Protest gegen die Vergöttlichung eines heroischen Projekts, das allzu viele unter die Räder kommen lässt, die angemessene Antwort, und zwar im Namen eines Gottes, der alles andere als Wunschdenken ist, der nicht einfach unsere Selbstbehauptung bestärkt, sondern uns in Anspruch nimmt, uns einweist in die Solidarität mit den Schwachen. Gott als Projektion? Ist eine solche Projektion nicht vielmehr der infantile Technikglaube, der uns von unserem endlichen, leib- und erdverbundenen Dasein entfremdet?

Protestpotenzial Religion

Marx geht aber einen entscheidenden Schritt weiter. Er fragt nach dem Grund für diese Projektionsleistung des Menschen. Warum kommt er überhaupt auf die Idee, ein Wesen ausserhalb seiner selbst zu setzen? Das «verkehrte Bewusstsein» entspringt einer «verkehrten Welt», geht aus dem Zustand einer Gesellschaft hervor, in der der Mensch selbst nicht «bei sich» ist, in der er seine Fähigkeiten nicht in Kooperation mit anderen entfaltet, sondern in seinem materiellen Dasein borniert und brutal sein Einzelinteresse verfolgt. Der Reichtum, den er schafft, erzeugt damit zugleich innere und äussere Armut. Erträglich wird dieser Zustand durch die Opiumgabe Religion.

Interessant ist allerdings, dass Marx in diesem Text die Religion als «Ausdruck und Protesta- tion» gegen das wirkliche Elend zugleich bezeichnet. Das heisst: Religion ist für ihn nicht einfach nur die Verschleierung der schlechten Zustände durch Weihrauchschwaden, sondern in ihr steckt auch ein Protestpotenzial! Immer schon war sie zumindest auch ein Stachel im Fleisch einer Gesellschaft, die auf Machtverhältnissen, Ungleichheit und Ausbeutung von Mensch und Natur beruht. Bei aller Komplizenschaft mit den jeweils Mächtigen ihrer Zeit liess sich doch die Provokation des Evangeliums, die Provokation der Bergpredigt, niemals völlig ruhigstellen und hat in verschiedenen Epochen Gegenbewegungen gegen die etablierte Herrschaft hervorgebracht. Die Rückbesinnung auf dieses Protestpotenzial der Religion könnte den «Gesprächsraum öffnen» (Ernst Bloch) zwischen uns Christen und Marxisten aller Schattierungen.

Was uns mit Karl Marx verbindet

«Die Kritik der Religion endet mit der Lehre, dass der Mensch das höchste Wesen für den Menschen sei, also mit dem kategorischen Imperativ, alle Verhältnisse umzuwerfen, in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen ist.» Mit diesem zentralen Satz bringt Marx seine Religionskritik auf den Punkt. Unabhängig davon, ob man an einen Gott glaubt oder nicht, führt Marx hier ein Kriterium zur Beurteilung der Wirklichkeit ein, das uns Christen doch sehr vertraut sein sollte. Wir teilen mit ihm dieselbe Perspektive, denselben Blickwinkel auf die gesellschaftliche Wirklichkeit. Wir teilen das Bewusstsein, dass sich die Wirklichkeit einer Gesellschaft erst von denen aus offenbart, die faktisch von dieser Gesellschaft ausgeschlossen sind. Erst vom Standpunkt der Ausgeschlossenen her bekommen wir wirklich in den Blick, wie es um diese Gesellschaft bestellt ist. Erst diese Parteilichkeit – wir übersetzen sie heute mit «vorrangige Option für die Armen» – garantiert uns Objektivität. Für Marx war es das Industrieproletariat, in dem die ganze Widersprüchlichkeit der kapitalistischen Ökonomie, das wahre Gesicht dieser Gesellschaftsordnung, zum Ausdruck kam. Heute allerdings zeigt sich dieser Widerspruch anderswo: bei den Opfern des beginnenden Klimawandels vom Mittleren Osten bis Nigeria, bei den ausgegrenzten Massen in der sogenannten «Dritten Welt», bei den künftigen Generationen, deren natürliche Lebensgrundlagen wir gerade dem kapitalistischen Wachstumswahn opfern, den Marx so scharfsinnig und weitsichtig analysiert hat. Ob Gottesglaube oder nicht: Der Prüfstein für ein richtiges Verhältnis zur Wirklichkeit ist für uns Christen wie für Marxisten derselbe.

Fetisch Kapitalismus

Ein kleiner Satz in der Doktorarbeit von Marx lässt aufhorchen: Hier spricht er davon, dass es um den Sturz aller «himmlischen und irdischen» Götter gehe. Das heisst: Anders als später Max Weber ging Marx nicht einfach von einer zunehmenden «Entzauberung» der modernen, säkularisierten Welt aus; er war sich dessen bewusst, dass der Kapitalismus einen neuen Rückfall in die Mythologie bedeutet!

Zur Beschreibung des innersten Wesens des Kapitalismus benutzt Marx einen Begriff aus der Religionsgeschichte: den Fetisch. Damit meint er: Das, was aus den Händen und Köpfen der Menschen hervorgeht, gewinnt hinterher selbst Gewalt über sie. Die Menschen schaffen selbst eine Wirklichkeit, die sie nicht mehr kontrollieren können, deren Gesetzmässigkeiten sie unterworfen sind. Die lateinamerikanische Befreiungstheologie hat das aufgegriffen und gezeigt, dass sich dies genau deckt mit der biblischen Götzenkritik. Hier stehen sich nicht einfach ein als wahr behaupteter Gott und «falsche» Götter gegenüber, sondern Kriterium ist der Mensch in seiner leiblichen Bedürftigkeit. Widergöttlich ist ein Wirtschaftssystem, das die Erfüllung dieser Bedürfnisse systematisch verweigert, das die Menschen blinden Marktgesetzen unterwirft, seine Fähigkeit verleugnet, bewusst und solidarisch sein eigenes Schicksal zu gestalten, und stattdessen die «Sachzwänge» der Ökonomie walten lässt.

Praxistest für die Religion

Schliesslich sei noch ein weitverbreitetes Missverständnis ausgeräumt. Es betrifft Marx’ historischen Materialismus. Dieser hat ganz und gar nichts zu tun mit einem «metaphysischen», weltanschaulichen Materialismus, der alles Sein letztlich auf Materie zurückführt. Für solche Fragen hat Marx sich kaum interessiert. Nicht um das, «was die Welt im Innersten zusammenhält», geht es Marx, sondern um das Verständnis des Menschen in Geschichte und Gesellschaft. Alle Lebensäusserungen des Menschen, alle geistigen Leistungen, alle Institutionen usw. will er «in letzter Instanz» darauf beziehen und von daher verstehen, wie die Menschen in Auseinandersetzung mit der Natur ihr eigenes materielles Leben produzieren. Allerdings bedeutet das m. E. nicht das Todesurteil für die Religion! Es ist ja nicht einzusehen, dass alle anderen Leistungen des menschlichen Denkens zwar auf seine materielle Existenz bezogen, aber keineswegs dadurch aufgelöst werden – ausser der Religion!

Marx hat alles Denken konsequent auf die menschliche Praxis zurückgeführt. Denken kann nie losgelöst werden von der tätigen Auseinandersetzung mit der Natur und von der gesellschaftlichen Praxis. Das ist auch der letzte Lackmustest für die Religion: Ob sie nichts als Illusion ist oder ob sie den marxschen Praxistest besteht, ob sie sich bewahrheitet, hängt davon ab, ob sie sich bewährt, ob sie angesichts der tiefen Krise der menschlichen Zivilisation eine Ressource darstellt, aus der Menschen Sinn schöpfen für das gesellschaftliche Handeln, das nottut.

Bruno Kern

 

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Bruno Kern führt zunächst in die Marx’schen Original- texte ein und bietet eine gründliche Auseinandersetzung mit der radikalen Infragestellung von Religion. Dabei räumt er viele populäre Missverständnisse aus dem Weg und gibt im Gespräch mit Marx «Rechenschaft von unserer Hoffnung».


Bruno Kern

Dr. Bruno Kern (Jg. 1958) studierte Theologie und Philosophie und ist Gründungsmitglied des Netzwerks Ökosozialismus
(www.oekosozialismus.net).
Zurzeit lebt er in Mainz als selbstständiger Lektor, Übersetzer und Autor.