Neustart

Für Marianne Pohl-Henzen gehört es als überzeugte Christin zur DNA, die Hoffnung nicht aufzugeben, sie zu bewahren und weiterzugeben. Und dies obwohl sie weiss, dass Misserfolg und Scheitern zum Leben gehören.

Gerade als Frau und Mutter gelingt einem nicht immer alles so, wie man es sich wünschte, durch Fremdeinfluss, durch eigene Fehler, aber auch durch die Eigenständigkeit der Kinder.

Als Engagierte in unserer Kirche mache ich oft ähnliche Erfahrungen. Es gelingt mir bei Weitem nicht alles. Projekte können nicht angegangen oder nicht umgesetzt werden. Kirchliche Mitarbeitende entwickeln sich nicht immer in gewünschter Weise. Zu Veränderungen sind viele nicht bereit. Enttäuschung kann sich einschleichen, ja teilweise auch Entmutigung und Resignation: Die Situation unserer Kirche ist so wohl zum Scheitern verurteilt! Die verlorene Glaubwürdigkeit, das Drehen um sich selbst, der Anachronismus zwischen Kirche und heutiger Gesellschaft, das egozentrische Verhalten von Mitarbeitenden, die Frage der Strukturen, das fehlende Hinhören auf die anderen; vor allem das fehlende Wahrnehmen der Not und Bedrängnis, das Untergehen der christlichen Botschaft in meiner Arbeit wegen organisatorischen und administrativen Aufgaben: totales Scheitern?

So nahm ich Ende Februar an einem Impulstag im Kloster Einsiedeln teil, der mich ausnahmsweise wieder aufbaute. Von einem italienischen Professore (Wirtschaftswissenschafter und Philosoph) wurde uns da aufgezeigt, dass wir doch unsere Kirche von anno dazumal nicht mehr nostalgisch irgendwie aufrechtzuerhalten versuchen sollten, da diese längst im Koma liege, sondern dass wir sie endlich als tot erklären sollten. Wenn wir sie beerdigt und unser Trauerlied gesungen hätten, könnten wir uns wieder auf das Neue konzentrieren, auf das, was doch hier und dort neu entstehe. Wie damals beim Sturm Lothar, der ganze Wälder mitgerissen hatte, woraufhin aber andere Sorten von Pflanzen und Sträuchern nachwuchsen, die keiner erwartet hatte. Die grossen Monokulturen wuchsen nicht mehr nach, sondern kleine, junge, andere Pflänzchen. So kann es auch mit unserer Kirche passieren, dass kleine, andere Gemeinschaften entstehen, nicht mehr so zahlreiche und so grosse, aber «auch aus dem babylonischen Exil ist nur eine kleine Minderheit zurückgekehrt», so der Professore.

Vielleicht hat unsere Kirche mit ihrer ganzen leidigen Geschichte von verlorener Glaubwürdigkeit ihren Totengesang selbst eingeläutet. Sie und wir alle mit ihr sind gescheitert, viele Menschen wurden abgespalten (von Scheit: durch Spalten von Stämmen entstandenes grösseres Stück Holz zum Brennen), abgetrennt und als Scheiter verbrannt. Wir liegen in Schutt und Asche.

Doch wir wissen und haben es in unserem Leben erfahren: Asche kann auch zu Dünger werden. Aus jedem Misslingen, aus jedem Scheitern, kann wieder etwas Neues, Prächtiges, vielleicht sogar Überraschendes hervorgehen!

Falls wir uns aber weiterhin im falschen Glauben wähnen, wir seien als Kirche noch lebendig, können wir nicht auferstehen. Deshalb sollten wir erkennen, dass wir als Kirche wie früher tot sind. Wir sollten jetzt trauern, damit wir auferstehen können und die jungen Pflänzchen von heute sehen, wie Menschenrechts- oder Umweltorganisationen, die heutige Jugend, ja sogar die Armut ...

So hoffen wir auf die Auferstehung, die persönliche und die gemeinschaftliche – oder darf ich sagen – auf die kirchliche Auferstehung? Auf eine bescheidenere, ärmere, spirituellere, biblischere Kirche?

Marianne Pohl-Henzen


Marianne Pohl-Henzen

Marianne Pohl-Henzen (Jg. 1960) ist verheiratet, hat drei erwachsene Kinder und vier Grosskinder. Sie studierte klassische Philologie und Germanistik, später Theologie im Fernkurs. Sie arbeitete als Sprachlehrerin, Katechetin, Pfarreiseelsorgerin und Coach. Ab 2012 war sie Adjunktin des Bischofsvikars für Deutschfreiburg und ist seit 1. August 2020 bischöfliche Delegierte für die Bistumsregion Deutschfreiburg.