Der Begriff «Scholastik» hat eine komplexe Geschichte – mit vielen Facetten, die sowohl zu Gunsten als auch zu Ungunsten der Epoche des 11. bis 14. Jahrhunderts ausfallen, die gemeinhin als Scholastik bezeichnet wird. Begriffsgeschichtlich betrachtet ist diese Gleichsetzung des mittelalterlichen Denkens mit der Scholastik allerdings ein Produkt des 18. Jahrhunderts, das seine aufklärerischen Absichten stets mit einer Abwertung des angeblich autoritätshörigen, finsteren Mittelalters verband. «Scholastik» meinte in diesem Sinne also bereits mehr als nur eine historische Epoche; der Begriff wurde auch polemisch abwertend benutzt für ein Denken, dem eine philosophische Dignität abzusprechen war, da es (angeblich) durch die Theologie fremdbestimmt wurde. Im Mittelalter selbst war mit «Scholastiker» freilich etwas ganz anderes gemeint.
Die Kunst der Dialektik
Ursprünglich geht das Wort auf den griechischen bzw. lateinischen Begriff für «Schule» (schole bzw. schola) zurück: Ein Scholastiker war also zunächst jemand, der eine Schule bzw. die Universität besuchte, um zu studieren – und da das damals leider nur Männern vorbehalten war, wäre es an dieser Stelle falsch, von einer Scholastikerin zu sprechen. Freilich gilt es in Bezug auf die Grundbedeutung zu differenzieren. Die Bezeichnung «Scholastiker» setzte sich nämlich zunächst insbesondere für die Angehörigen der Artisten-Fakultät durch, die gemeinsam mit den Fakultäten für Theologie, Jurisprudenz und Medizin die mittelalterliche Universität bildete. Dort wurden die sieben freien Künste (septem artes liberales) gelehrt und erlernt: Grammatik, Rhetorik und Dialektik, sowie Arithmetik, Geometrie, Musik und Astronomie. Im Laufe des 11. Jahrhunderts verschoben sich die Gewichtungen der verschiedenen artes signifikant: Hervor trat eine Betonung der Dialektik, d. h. der Kunst des logischen Schliessens und rationalen Argumentierens, in der die Vernunft zum alleinigen Massstab der Wahrheit wurde. «Bei der Dialektik seine Zuflucht nehmen bedeutet, seine Zuflucht bei der Vernunft nehmen», schrieb Berengar von Tours († 1088). Die Dialektik repräsentierte die Rationalität und Wissenschaftlichkeit des gelehrten Diskurses und wurde schliesslich auch für die Theologie zur leitenden Kunst. Der Scholastiker war in diesen Zusammenhängen ein bestimmter Typ des Universitätsgelehrten, der sich durch seinen Rückgriff auf die Dialektik auszeichnete, d. h. sich ganz der Rationalität und Wissenschaftlichkeit verschrieb und somit ein bestimmtes Bildungsverständnis repräsentierte. Der bekannteste Scholastiker im Frühmittelalter war Petrus Abaelardus († 1142), der auch gern als der «erste Intellektuelle» bezeichnet wird.
Rational über Gott nachdenken
Mit der Art und Weise, wie die Scholastiker zunehmend auch die theologischen Diskurse eroberten und dabei vor keinem theologischen Problem Halt machten – eine der zentralen Debatten war etwa die Frage nach einem rationalen Verständnis der Eucharistie im sogenannten Abendmahlsstreit! –, war beileibe nicht jeder einverstanden. Eine streitlustige Person wie Abaelard, dessen scholastische Methode im Kampf mit Argumenten bestand, war umstritten; sein Zeitgenosse Bernhard von Clairvaux († 1153) ging immer wieder gegen dessen logische Durchdringung theologischer Wahrheiten an. Dennoch setzte sich der rationale Anspruch als Kennzeichen der Scholastik durch und auch eher rationalitätskritische Denker wie Bernhard entzogen sich ihm nicht.
Diese Bewegung der Rationalisierung und die damit verbundene intellektuelle Neugierde waren es, die zu Beginn des 13. Jahrhunderts zur Rezeption der bis dahin unbekannten Schriften des Aristoteles führte, die ihrerseits die Orientierung an der Vernunft vorantrieben. Denn Aristoteles hatte in Wissenschaftstheorie, Naturphilosophie, Metaphysik, Ethik und Politik wichtige Ideen und Theorien vorgelegt, die sich allein der menschlichen Rationalität verpflichtet sahen. Trotz der Skepsis und Ablehnung, die Aristoteles entgegengebracht wurde und die schliesslich sogar dazu führte, dass die Lektüre seiner Schriften an der Universität verboten wurde – ein Verbot, das letztendlich wirkungslos blieb! –, stellten sich die scholastischen Denker diesen rationalen Ansprüchen. Zwei der berühmtesten unter ihnen waren Albertus Magnus († 1280) und Thomas von Aquin († 1274), die sich detailliert mit der Philosophie des Aristoteles auseinandersetzten, aber auch vom platonischen Denken geprägt waren. Sie sahen es als ihre Aufgabe an, im kritischen (und keineswegs autoritätshörigen) Rückgriff auf die philosophischen Grössen der Antike unter Massgabe der Vernunft in Begriff und Argumentation, d. h. genuin philosophisch, wenn auch in einem christlichen Kontext, über Gott, Welt und Mensch nachzudenken. Dabei bedienten sie sich der Textform der Quaestio, in der eine systematische Frage zunächst mit Pro- und Kontra-Argumenten konfrontiert wurde, bevor die eigene Meinung gebildet und formuliert wurde, in deren Licht die möglichen Gegenpositionen anschliessend begründet zurückgewiesen werden konnten.
Der hier zum Ausdruck kommende Vernunft-
optimismus geriet im 14. Jahrhundert in eine Krise. Für die spätmittelalterlichen Denker wie Johannes Duns Scotus († 1308) und Wilhelm von Ockham († 1347) war der Rückgriff auf die Vernunft in Bezug auf theologische Fragen wie etwa nach der Allmacht, Freiheit und Gnade Gottes nicht mehr so unproblematisch möglich. Die intellektuellen Diskurse, geprägt durch eigene fachsprachliche Begrifflichkeiten, wurden immer spezialisierter und entwickelten jene gewisse Spitzfindigkeit, die noch heute abwertend mit dem Begriff «scholastisch» verbunden wird. In bewusster Absetzung von dieser Form eines (angeblich) lebensfernen und verknöcherten Bücherwissens bringt Nikolaus von Kues († 1464) im 15. Jahrhundert die Figur eines Laien ins Spiel, der – als Gegenpol zum universitär ausgebildeten Scholastiker – den einfachen Ungebildeten und damit die wahre Weisheit repräsentiert, die dem Geist des Menschen und seinen Potenzialen entspricht.
Von Anfang an auch in Kritik
Neu war dieses Bildungsideal jedoch nicht! Es knüpfte an eine Kritik an, die die Scholastik von Beginn an begleitete. Denn das scholastische Wissensideal beinhaltete immer auch eine gewisse Einseitigkeit, die bestimmte andere Formen des Denkens ausschloss. Inneruniversitär wurde das von denjenigen diskutiert, die die Anschlussfähigkeit des aristotelischen Denkens an die Theologie kritisch sahen und stattdessen stärker auf Traditionen setzten, die der Rationalität eine nur eingeschränkte Zugangsmöglichkeit zum Göttlichen zuschrieben. So etwa die philosophische Mystik, für die die Vereinigung mit dem Absoluten als Erfahrung des Denkens leitend war. Eine noch stärkere kritische Absetzung von der Scholastik geschah jedoch ausseruniversitär in jenen laienphilosophischen Bewegungen, die sich bewusst vom universitären scholastischen Wissenschaftsparadigma absetzten und stattdessen die Philosophie als intellektuelle Lebensform betrachteten. Daran zeigt sich, dass die Scholastik keineswegs die einzige Wissensform im Mittelalter war und dass es unzulässig ist, das mittelalterliche Denken auf nur diese eine Form zu reduzieren.
Dieser Befund ist für die angemessene Beurteilung der mittelalterlichen Philosophie in ihrer Vielfalt von Bedeutung. So wird es zum Beispiel allererst möglich, den spezifisch weiblichen Beitrag zum mittelalterlichen Denken, wie er sich insbesondere in der Mystik finden lässt, herauszustellen: Gelehrte und intellektuell tätige Frauen, denen der Zugang zur Universität und somit zur scholastischen Methode qua Geschlecht verstellt war, können somit ebenfalls in ihrer herausragenden Bedeutung für die Generierung und Tradierung von philosophischem Wissen und Bildung gewürdigt werden.
Isabelle Mandrella