Mit Interesse und Freude an der Sache geht es fast von allein. Ohne den festen Willen, im Suchen durchzuhalten, das Fragen und Hinterfragen stets zu üben, kommt niemand vorwärts.
Ein Thema, das mich schon immer interessierte, ist die Bibel, ihre Menschen und Landschaften, ihre eindrücklichen Geschichten und dass diese erzählt wurden über Generationen hinweg. Das erste Büchlein mit Bildern und den Grundgebeten steht als kostbarer Schatz in einem meiner Büchergestelle. Die Bilder und Darstellungen in diesem meinem ersten Büchlein prägten sich mir tief ein. Und wenn ich das Büchlein jetzt zur Hand nehme, ist es immer ein Déjà-vu und ein Erinnern.
Als Primarschüler verlor ich die Freude und Begeisterung für die «frommen» Zeichnungen. Kinderbibeln waren für mich gerade wegen der Bilder zu kindlich oder kindisch. Es war deshalb ein grosses Ereignis, als wir in der vierten Primarklasse die Schweizer Schulbibel für die Mittelstufe erhielten. Es gab zwar darin auch Zeichnungen in Form einer ägyptische Wandmalerei, die Nomaden vor einem ägyptischen Beamten zeigte.
Einige Seiten weiter eröffnete eine Fotografie den Blick in ein Steppengebiet und zeigte zwei Beduinen, die mit vier Kamelen in der Mittagshitze durch die baumlose Gegend gehen. So sieht es also heute aus, das Land der Bibel, das schon vor zweitausend Jahren dem Leben der Menschen unter harten Bedingungen einiges abverlangte. Aus der Bibel gelesen haben wir, nachdem die Lehrerin die entsprechenden Seitenzahlen nannte. Da wurde nicht ein biblisches Buch genannt mit Kapitel und Versen: Es war noch eine Schulbibel, für Schülerinnen und Schüler gemacht. Für mich damals noch nicht das Wahre.
Am Ende der Mittelstufe muss es gewesen sein, dass ich im Jungwachtlager auf dem Stoos SZ war. Auf dem Heimweg wollte ich auf dem Bahnhof in Seewen etwas in den Abfallkübel werfen. Im Kübel lag ein Buch, ich zog es heraus. In hellblauem Leinen eingefasst eine handliche Vollbibel: Was für einen Schatz konnte ich da heben! Endlich eine richtige Bibel, ohne Kürzungen und Harmonisierungen. Endlich konnte ich lesen, was über die zwei ersten Bücher Genesis und Exodus hinaus ging, und ich hatte die Psalmen mit ihrer starken Sprache.
Wie froh bin ich, dass ich nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil studieren durfte. Schon im ersten Jahr wurden wir in das Alte und das Neue Testament eingeführt, bekamen Einblick in die biblische Umwelt, wie es das Konzilsdekret über die Ausbildung der Priester forderte (vgl. OT 15): «Mit besonderer Sorgfalt sollen sie (die Studenten) im Studium der Heiligen Schrift, die die Seele der ganzen Theologie sein muss, gefördert werden. Nach einer entsprechenden Einführung sollen sie in der exegetischen Methode gründlich geschult werden; mit den Hauptthemen der göttlichen Offenbarung sollen sie vertraut werden und für ihre tägliche Schriftlesung und Schriftbetrachtung Anregung und Nahrung erhalten.»
Dieser biblischen Schule bin ich treu geblieben. Immer wieder locken mich interessante Publikationen oder ich freue mich auf eine Monatszeitschrift, die nicht nur Artikel der aktuellen Bibelforschung veröffentlicht, sondern sie auch mit Bildern von heiligen Stätten, Ausgrabungen und Landschaften bereichert.
Wissen ist Nahrung für die Seele. Nicht alle haben die gleichen Vorlieben. Aber alle finden etwas für sich, wenn sie ihre Interessen wachhalten.
Guido Scherrer