Die jüdische Identität und Berufung des Paulus

10. Sonntag im Jahreskreis: Gal 1,11–19 (1 Kön 17,17–24; Lk 7,11–17)

Die Lesung aus Gal 1,11–19 ist ein heiliger Text: Nicht nur im üblichen Sinne der Bibel als Heilige Schrift, sondern weil Paulus darin von der wohl heiligsten Erfahrung erzählt, die er in seinem Leben gemacht hat. Paulus teilt mit den Frauen und Männern damals in den Kirchen Galatiens und mit uns heute, was sein Leben im Innersten prägt, ihm eine neue Ausrichtung gegeben und ihn für immer verändert hat: Seine unmittelbare Christuserfahrung, seine Berufung zum Völkerapostel.

Wie wäre es, den besonderen Charakter dieses heiligen Textes in der Liturgie dadurch zu würdigen, indem nach der Lesung ein Licht, vielleicht die Osterkerze, angezündet wird – in Erinnerung nicht «nur» an die Berufung des Paulus, sondern auch an die unverwechselbaren, einzigartigen Berufungen aller Frauen und Männer, die sich seitdem auf ihren je persönlichen Weg der Christus-Nachfolge machen? So könnte der Gottesdienst an einem ganz «gewöhnlichen» Sonntag im Jahreskreis zur Feier von Berufungen und Christusgegenwart mitten im Leben werden.

Gal 1,11–19 im jüdischen Kontext

Die Grundlinie des ersten Kapitels des Gal (siehe nebenstehende Auslegung zum 9. So. i. Jk.) setzt sich auch in den 1,11 ff. fort: Paulus vertieft seine Darlegung, dass und wie er seine Evangeliumsverkündigung von Christus selbst und damit nicht von Menschen empfangen hat. Dies steht im Dienst seiner Auseinandersetzung mit den Positionen (und Menschen), die in den von ihm gegründeten Gemeinden ein «anderes Evangelium» (1,6–9) durchzusetzen versuchen, das auf die volle Einhaltung der Tora abzielt. Indem Paulus so nachdrücklich betont, dass seine eigene Evangeliumsverkündigung in einer direkten Offenbarung Gottes bzw. Christi selbst wurzelt, beansprucht er höchste Geltung für seine beschneidungsfreie Mission.

Paulus knüpft dabei explizit an seine jüdische Identität an und erzählt von seinem «Wandel einst im Judentum» (1,13). Was ist das Gegenstück dazu? Wie/Worin lebt er heute, wenn er sich von seinem früheren Lebenswandel distanziert? Dafür hat Paulus noch keinen Begriff, und er wird auch – soweit wir das aus seinen Briefen erkennen – sein Leben lang keinen Begriff dafür prägen, der dem Judentum grundsätzlich abgrenzend gegenüberzustellen wäre. Paulus ist nicht «der erste Christ», jedenfalls nicht im Sinne des heutigen Verständnisses einer vom Judentum endgültig losgelösten, neuen Religion. Und auch wenn man die Jünger Jesu in Antiochia, der (späteren) Heimatgemeinde des Paulus, «zum ersten Mal Christianer nannte» (Apg 11,26), sollte dieser Begriff immer noch als Identitätsmerkmal einer neuen Gruppe im Umfeld des Judentums verstanden werden – so wie Paulus sich selbst, jedenfalls nach der Apg, als Anhänger des (jesus-messianischen) «Weges» bezeichnet (Apg 24,14).

In 1,14 f. geht Paulus zur Beschreibung seiner Berufung über. Wer auch nur ansatzweise selber tiefe persönliche Glaubenserfahrungen oder gar im engeren Sinne mystische Erlebnisse kennt, ahnt, wie sehr Paulus hier um Worte gerungen haben mag. Er umschreibt eine Erfahrung, die sich eigentlich jeder Beschreibung entzieht – eine innere Vision: Gott hat «seinen Sohn in mir» offenbart (1,16). Paulus greift dabei auf zwei bekannte Texte der jüdischen Bibel zurück. Sowohl die «Aussonderung» durch Gott bereits im Mutterleib wie auch der Auftrag zur Verkündigung unter Heiden (éthnoi als Pendant zur jüdischen und hebräischen Unterscheidung zwischen Israel und den «Völkern »/gojim) verweisen auf Jer 1,4 und Jes 49,1–6, wo beide Motive ebenfalls begegnen. Paulus stellt sich also in die Tradition der grossen Propheten Israels: So wie Gott bereits Jeremia und den deuterojesajanischen Gottesknecht vom Mutterleib an berufen und zum Propheten nicht nur für Israel, sondern auch für die nichtjüdischen Völker gemacht hat, «dass mein Heil reiche bis an die Enden der Erde» (Jes 49,6), so sieht sich auch Paulus jetzt zur Verkündigung unter den «Völkern» berufen. Das ist die neue, immer noch jüdische, aber jesus-messianische Identität des Paulus. Mit seinem Wirken steht er im endzeitlichen Dienst Gottes: In der Hinwendung von Menschen aus allen Völkern zum Gott Israels und zum Gottesvolk Israel, die er in seiner Missionstätigkeit erlebt, sieht er ein Zeichen für die endzeitliche Vollendung – Gott kommt mit seiner Schöpfung und den Menschen zum Ziel.

Es ist überaus inspirierend, Jes 49,1–6 als «Subtext» für die Berufung des Paulus und sein Selbstverständnis als Völkerapostel zu lesen. Gut möglich, dass Paulus, für den dieser Text offenbar zentrale Bedeutung hatte, in diesen Versen wesentliche Aspekte seiner neuen Identität entdeckt. Zu jedem Vers aus Jes 49,1–6 lassen sich zahlreiche Zitate aus den Paulusbriefen finden, die als Aktualisierung des Gottesknechts-Liedes in der Verkündigung und Biografie des Paulus gelesen werden können.

Die Fortsetzung der Gal-Lesung in 1,17–19 veranschaulicht dann erneut den «roten Faden» in Gal 1: Paulus orientiert sich in seiner Verkündigung eben gerade nicht an menschlichen Autoritäten, noch nicht einmal an den herausragenden Gestalten der Jerusalemer Urgemeinde. Er lebt stattdessen ganz aus seiner ureigenen Berufung heraus.

Heute mit Paulus im Gespräch

Die Berufungserfahrung bedeutet für Paulus eine «Entgrenzung» sondergleichen: Sie führt ihn in eine Freiheit, die er vorher nicht gekannt hat, und in eine neue Sicht auf «Gott und die Welt» – im grundlegendsten Sinn. Die Tora wird für ihn nicht irrelevant, aber es gibt nun etwas noch Wichtigeres als die vollständige Einhaltung der Tora: das Hinzukommen von Menschen aus den «Völkern» zum Gott Israels und zum Gottesvolk Israel, vermittelt durch den Messias Jesus, dessen Anhänger Paulus zuvor verfolgt hatte. Nicht umsonst braucht Paulus nach seiner Berufung offenbar mehrere Jahre (1,17 f.), um sich in seinem neuen Leben zurechtzufinden. Was ihn in dieser grundlegenden Neuorientierung trägt, ist die Christus- und Gottunmittelbarkeit, die ihm in seiner Berufungserfahrung geschenkt wurde. So radikal diese Lebenswende auch ist – «Bekehrung» ist dafür das falsche Wort, denn Paulus bleibt darin ja gerade demselben Gott treu, auch wenn er nun anders in ihm wirkt als vorher.

Wohin führen uns heute unsre Berufungen? In die Enge oder in grössere Freiheit? Wie viel Veränderung, ja Irritation bis hin zum radikalen Umsturz von Bestehendem trauen wir Gott in unserem Leben zu? «Erlauben» wir Gott, unser Leben, unsere Ansichten, unsere Glaubensüberzeugungen komplett auf den K opf zu s tellen? Oder, anders gefragt: Was könnte, würde sich in meinem Leben – vielleicht – verändern, wenn Gott in mir so nachhaltig zum Guten hin wirken würde, wie er es in Paulus getan hat? Die Berufung des Paulus kann uns dabei helfen, nicht zu klein und nicht zu eng zu denken von Gott – und uns nicht zu sehr an unsere vertrauten, lieb gewordenen Glaubensüberzeugungen zu klammern, solange darin noch ein «Mehr» an Freiheit, ein «Mehr» an interkultureller, interreligiöser Weite möglich ist. «Ist denn Gott nur der Gott der Juden? Nicht auch der anderen Völker? Doch, auch der anderen Völker!» (Röm 3,29) Auch dafür könnte die Osterkerze brennen, wenn wir sie zur Feier der Berufung des Paulus und zur Würdigung unserer eigenen Berufungen entzünden.

 

Detlef Hecking

Detlef Hecking

Der Theologe Detlef Hecking (jg. 1967) ist Leiter der Bibelpastoralen Arbeitsstelle des Schweizerischen Katholischen Bibelwerks in Zürich.