Mit (un-)freundlichen Grüssen: Paulus an die Kirchen in Galatien

9. Sonntag im Jahreskreis: Gal 1,1–2.6-10 (1 Kön 8,41-43; Lk 7,1–10)

«Sehr geehrte Damen und Herren», «Hochachtungsvoll », «Liebe Grüsse» … Wir kennen die üblichen Formen, Briefe (oder E-Mails) ein- und auszuleiten. Je nach Kontext wählen wir unterschiedliche Arten der Anrede und des Schlussgrusses, um den Charakter eines Briefes, unseres Anliegens und der Beziehung zwischen uns und dem Empfänger auszudrücken. Das war in der Antike nicht anders. Ein Brief folgte einem standardisierten Aufbau und gewissen Höflichkeitsforme(l)n. Umso auffälliger, wenn dieses «Briefformular» durchbrochen wird. Dann wissen die Empfänger: Der Schreiber möchte sich möglichst freundlich, ja liebevoll in Erinnerung rufen. Oder aber: Da ist «Feuer im Dach»!

Paulus setzt diesen Effekt zu Beginn des Galaterbriefes so gezielt ein wie nirgends sonst in seiner überlieferten Korrespondenz: Nach dem Präskript (1,1–5) folgt nicht wie üblich Dank, Lob oder Bitte für die Gemeinde, sondern Kritik.

Mit dem 9. Sonntag i. Jk. beginnt eine sechsteilige Sonntags-Lesereihe aus dem Galaterbrief – die einzige in allen drei Lesejahren! Die Leseordnung greift folgende Texte und Themen aus Gal heraus: 9. So. i. Jk. (1,1–2.6–10): Einführung/Thema;

10. So. i. Jk. (1,11–19): die jüdische Identität des Paulus und der besondere Akzent, den seine Berufung darin setzt;

11. So. i. Jk. (2,16.19–21): Rechtfertigung aus «Werken des Gesetzes» und aus Glauben an den Christus;

12. So. i. Jk. (3,26-29): Aufhebung aller trennenden Unterschiede durch die Taufe;

13. So. i. Jk. (5,1.13–18): christliche Berufung zur Freiheit in Nächstenliebe;

14. So. i. Jk. (6,14-18): Friede und Erbarmen über das «Israel Gottes»/Abschluss,.

Ein weiterer Text (4,4–7) wird jedes Jahr an Neujahr/Hochfest der Gottesmutter Maria gelesen (vgl. die Auslegung in SKZ 180 [2012], Nr. 50, 807), am Pfingstsonntag im Lesejahr B kommt 5,16–25 hinzu.

Mit dieser Auswahl löst die Leseordnung die Texte aus Gal weitgehend aus ihrem konkreten historisch-argumentativen Kontext heraus, der von einer tief greifenden (Beziehungs-)Krise zwischen Paulus und den von ihm gegründeten Gemeinden Galatiens geprägt ist. Damit überlässt die Sonntags- Leseordnung auch die hochinteressante, biblisch-metaphorische paulinische Argumentation der Kapitel 2–5 einer privaten Lektüre. Stattdessen hält sie sich an einige «Leuchttürme» des Briefes, die ausgewählte Grundfragen des Briefes eher thesenhaft als argumentativ aufscheinen lassen. Die argumentativen «Schifffahrtsrouten» bleiben, um im Bild zu bleiben, so zwar weitgehend im Dunkeln, doch die «Leuchttürme» weisen einigermassen zuverlässig den Weg zu zentralen Themen des Gal. Wer diesen gleichermassen herausfordernden wie faszinierenden Brief seiner Gemeinde nicht vorenthalten will, sollte diese Gelegenheit also beim Schopf packen.

Gal 1 im jüdischen Kontext

Gleich in den ersten Worten seines Briefes markiert Paulus Distanz: Nicht «von oder durch Menschen», sondern durch den Messias Jesus und Gott selbst sei er «Sendbote» (Apostel). Er fordert seinen Adressatinnen und Adressaten viel ab, indem er sich mit so grossem Selbstbewusstsein präsentiert. Wie sollen sie sich zu einem so herausgehobenen Anspruch verhalten? Sollen seine Adressaten ihr «Eigenes» einfach aufgeben? Und wie stehen die kollektiven «Brüder (und Schwestern) bei mir», die Paulus als Mitabsender nennt, die aber im ganzen Brief namenlos bleiben, dazu? Durch ihre Erwähnung baut Paulus zwei Kollektive auf: Auf der einen Seite stehen er selbst und die namenlosen «Brüder und Schwestern», auf der anderen Seite die Kirchen (ekklesíai) Galatiens, die von «falschen Brüdern (und Schwestern)» (pseudádelphoi, 1,4) «verwirrt» (1,7), ja sogar «behext» (3,1) werden. Im Ergebnis haben – so jedenfalls Paulus – die Galater ein «anderes Evangelium» (1,6) angenommen und die in Christus geschenkte Freiheit gegen ein «Joch von Sklaverei» eingetauscht (5,1). Um den Jesus-Messias-Gläubigen in Galatien das deutlich zu machen, bietet Paulus nicht nur biblische Argumentationen nach allen Regeln jüdischer Schriftauslegungskunst auf, sondern auch hohen persönlich-emotionalen Einsatz, ja bisweilen sogar heftige Polemik.

Die Adressaten des Gal sind mehrheitlich Heidenchristen ohne vorherige Verwurzelung im Judentum (4,8 f.): Die Männer unter ihnen spielen offenbar – gegen den Willen des Paulus – mit dem Gedanken, sich beschneiden zu lassen (5,2; 6,12), um den jesus-messianischen Weg in voller Treue zur Tora zu gehen. Im Gal begegnet uns damit das für uns heute unerwartete Phänomen, dass Anhängerinnen und Anhänger des Messias Jesus das Judentum als Mutterboden ihres Glaubens bis in die letzte Konsequenz ernst nehmen. Warum ist das für Paulus, den ursprünglich so ausserordentlich Toraobservanten Juden (1,14), derart problematisch, dass er diesen Plänen gleich zweimal sein «Anathema», eine Verfluchung, entgegenschleudert – selbst für den Fall, dass dies von Engeln so verkündet würde (1,8 f)?

Paulus befürchtet, dass die vollständige Einhaltung der Tora seitens der galatischen Christinnen und Christen mit einer Infragestellung des «eigentlichen», von ihm selbst verkündeten Evangeliums und seiner eigenen, höchst persönlichen, für seine Missionstätigkeit grundlegenden Christuserfahrung einhergehen würde. Paulus befürchtet, dass sich die Menschen in den Kirchen Galatiens, kaum waren sie ihrer früheren Versklavung unter die Götzen entkommen (4,8), durch die volle Tora-Observanz freiwillig ein neues Joch auferlegen und ihre Freiheit selbst unangemessen beschränken. Das treibt Paulus in tiefe, leidenschaftliche Verzweiflung. Neben seiner Verkündigung sieht er darin auch seine Person in Frage gestellt. Ein bisschen erinnert mich Paulus in seiner Selbstwahrnehmung hier an Mose, der das Volk Israel aus dem Sklavenhaus Ägyptens befreit hat, um es dann in der Wüste wieder nach den vermeintlichen Fleischtöpfen Ägyptens schreien zu hören. Für Paulus ist es – wie für Mose lange vor ihm – klar, dass es Gott selbst ist, der in die Freiheit ruft (1,6). Deshalb weist Paulus auch den von seinen Gegnern vermutlich geäusserten Vorwurf zurück, er verkünde die christusgeschenkte Freiheit nur, um sich bei seinen Zuhörern anzubiedern, und bezeichnet sich selbst pointiert als Sklaven des Messias (1,10).

Die Lesung aus Gal thematisiert also einen Richtungsstreit in den Gemeinden: Wieviel Tora? Wieviel Freiheit? Wieviel mehrheitsjüdischer Partikularismus? Wieviel jüdisch-messianischer Universalismus? Paulus wäre nicht Paulus, wenn er diese Fragen nicht in stetigem Bezug auf das konkrete Leben der Menschen in Galatien diskutieren und sie zugleich zu einer Kernfrage der Christologie erheben würde: «Käme die Gerechtigkeit durch das Gesetz, so wäre Christus vergeblich gestorben» (2,21).

Heute mit Paulus im Gespräch

Es braucht eine gehörige Portion Mut und Selbstbewusstsein, um die eigene, persönliche Erkenntnis in Lebens- und Glaubensfragen anderen Menschen so nachdrücklich als Richtschnur zu empfehlen, wie es Paulus in Gal tut. Solche Absolutheit hat nicht erst heute etwas Verstörendes. Wer so spricht, eckt bei den einen an – und wird von anderen für seine bzw. ihre Standfestigkeit bejubelt.

In Politik und Kirche wird derartige Unbeugsamkeit gelegentlich als Allheilmittel gegen jeweils aktuell missliebige Zeiterscheinungen angepriesen. Umso interessanter ist es, bei Paulus in die Lehre zu gehen und sich an die Kriterien zu erinnern, die er für seine innerste Überzeugung ins Feld führt: Paulus geht es nicht «nur» um (s)eine persönliche Gotteserfahrung, ja Offenbarung (1,11 f.), sondern um eine geradezu absolute Freiheit, die Gott allen Menschen durch das Christusgeschehen schenkt – eingeschränkt «nur» durch die Liebe: «Denn ihr wurdet zur Freiheit gerufen, Brüder (und Schwestern); nur (nehmt) nicht die Freiheit zum Anlass für das Fleisch, sondern durch die Liebe seid Sklaven einander» (5,13).

 

Detlef Hecking

Detlef Hecking

Der Theologe Detlef Hecking (jg. 1967) ist Leiter der Bibelpastoralen Arbeitsstelle des Schweizerischen Katholischen Bibelwerks in Zürich.