Geld allein macht nicht glücklich

Jeremias Gotthelfs «Geld und Geist» ist ein fast schon prophetisches Werk. Klar zeigt der Verfasser exemplarisch an einer Familie auf, wie Geld Menschen voneinander entfremdet und von Gott trennt.

Viel spöttischer Hohn hat sich schon über diesen 1844 erschienenen und relativ knapp gehaltenen Roman des Berner Nationaldichters Albert Bitzius alias Jeremias Gotthelf (1797–1854) ergossen. Sein frömmster Roman sei es, ein recht moralisierendes Spätwerk eines Pfarrers, ja antisemitische Untertöne wurden ihm angelastet. Eine erneute Lektüre zeigt, dass die Kritik ungerechtfertigt ist, vor allem auch, weil sie den Menschen Gotthelf völlig verkennt. Sein ganzes schriftstellerisches Schaffen war nichts anderes als die Fortführung seiner Sonntagspredigten an ein weiteres Publikum auch im Ausland gerichtet, und dies alles getragen von seiner tiefen Überzeugung, dass die Gesellschaft und Welt, die er als Seelsorger erlebte, moralisch vor die Hunde ging. (Den Bundesstaat von 1848 lehnte der evangelische Gotthelf ja ab!)

Auch in diesem Fall war die populäre Verfilmung (Franz Schnyder, 1964, der erste farbige Gotthelf-Film) verfremdend, sprich dem Sinn des Werkes fremd, indem der bösartige und habgierige Dorngrütbauer noch vor dem Happy End beim dramatischen Sturz von der Heuleiter stirbt, während Gotthelf ihn bewusst am Leben lässt. Die zweite Hälfte des Romans, die Liebesgeschichte zwischen Anne Mareili, der Tochter des Dorngrüters und Resli, dem jüngsten Sohn der Protagonistenfamilie aus Liebiwyl, folgt einem klassischen «per aspera ad astra»-Schema und sie ist es nicht, die hier speziell interessieren muss.

Was eine Predigt vermag

Vielmehr ist es der erste Teil des Romans (noch hauptsächlich in Hochdeutsch formuliert, während später die Dialekt-Elemente dominieren), der weit über eine banale Geschichte hinausgreift. Nicht nur in diesem Werk, aber besonders hier zeigt sich Gotthelf als scharfer Kritiker des kapitalistischen Systems, insbesondere der neuen Finanzwelt, die für ihn die bisher tragenden menschlichen Bindungen in Dorf, Familie und Staat aushöhlt. Der Liebiwyler Bauer Christen, seine Frau Änneli und ihre drei erwachsenen Kinder dienen dafür als Anschauungsobjekt. Durch das Spekulieren mit fremdem Geld kommen Misstrauen und Entfremdung ins Haus, der Bauer nimmt es seiner Frau übel, dass sie Bettlern unter die Arme greift und will ihr den Schlüssel zur Familienschatulle verweigern. Die Entfremdung schreitet voran, das Ehepaar betet nicht mehr gemeinsam das Vaterunser vor dem Einschlafen, die Kinder beginnen zu entgleiten – ein prophetisches Bild für die moderne Welt, die Industrialisierung und technologischen Fortschritt erst noch schaffen werden.

Die Wende zum Guten schaffen der Kirchgang der Bäuerin (als Einzige geht sie noch hin und erfüllt ihre «Pflichten») und die Sonntagspredigten des anonym bleibenden Pfarrers, hinter dem sich der Verfasser nur knapp verbergen kann. Die erste Predigt, die die Bäuerin alleine hört, handelt von der Notwendigkeit, jederzeit mit den Nächsten Frieden zu machen und den Groll abzulegen, weil wir doch nicht wissen, wie lange unser Leben dauern mag. So geht sie nach Hause und stimmt abends laut und deutlich das Nachtgebet an, bis der Bauer nicht anders als mitbeten kann. Und zur eigentlichen Aussöhnung kommt die ganze Familie, wie sie am Pfingstsonntag gemeinsam zur Kirche geht und des Pfarrers Auslegung der Begegnung Jesu mit dem reichen Jüngling («Was fehlt mir noch?») hört. Das Geld, das materielle Denken, verdirbt und zerstört, der Geist hingegen versöhnt und schafft Zukunft.

In eigentümlicher historischer Distanz und mit Respekt hören wir Pfarrer Bitzius‘ Worte:

«So redete der Pfarrer im Allgemeinen, führte aber das Allgemeine im Besonderen näher durch und belegte alles mit dem Leben. Da ward den Gliedern der Familie der Text lebendig; der Stein ward zum Diamant, der die hellsten Strahlen durch ihre Seele warf, alle Falten erleuchtete. Es war ihnen, als sehe der Pfarrer in ihrem Herzen eine eigene Schrift und lese ihnen die ab […]»1

Heinz Angehrn

 

1 Gotthelf, Jeremias, Geld und Geist oder die Versöhnung. Erhältlich im Buchhandel.