Der Erste und der Letzte

5. Sonntag im Jahreskreis: 1 Kor 15,1–11 oder 15,3–8.11 (Jes 6,1–2a.3–8; Lk 5,1–11)

Am Ende seines Briefes an die Korinther thematisiert Paulus die zentrale Botschaft des christlichen Glaubens. Es geht um den begründeten Osterglauben an die Auferweckung des Gekreuzigten. Es geht aber auch um die Apostel, deren Zeugnis das österliche Geschehen den Glaubenden gegenüber verbürgt. In die Reihe dieser Zeugen stellt Paulus sich hinein. 1 Kor 15, 9 f. zeigt, dass seine Argumentation auch Verteidigungsstrategie ist: In den von ihm gegründeten Gemeinden waren immer mal wieder Gegner aufgetreten, die die Legitimität des paulinischen Apostelamtes grundlegend in Frage stellten. U mso mehr kommt es für ihn nun darauf an, die Rechtmässigkeit und die Echtheit seines apostolischen Dienstes zu belegen. Den Korinthern stellt er sich deshalb nicht einfach «nur» als Zeuge der Auferstehung Jesu vor, sondern vielmehr als ein von Gott erwählter Verkünder des Ostermysteriums. Die Korinther haben das Evangelium also nicht irgendwie, irgendwann von irgendwem gehört – sie verdanken es sehr konkret Paulus, dem berufenen Apostel. Paulus, so viel ist klar, leidet nicht unter Minderwertigkeitskomplexen. Aber er geht noch einen Schritt weiter – und hält fest, dass sich der auferstandene Kyrios Jesus Christus selbst in seiner Verkündigung zur Sprache bringt. Der Apostel ist Diener des Evangeliums, insofern er der Selbstmitteilung des auferweckten Herrn das artikulierende Wort leiht (vgl. Röm 10,14). Das ist ein sehr, sehr hoher Anspruch, den es zu begründen gilt. Paulus weiss es. Also sichert er seine Argumente ab, indem er sich keinem Geringeren als Petrus, dem Oberhaupt des Zwölferkreises, auf Augenhöhe gegenüberstellt. Allein die Wortwahl spricht Bände: Die Worte «auch uns» «erschien» (1 Kor 15,8) stellen Paulus als Letzten gleichwertig in eine Reihe und auf eine Ebene mit den anderen Auferweckungszeugen, deren erster Petrus ist (vgl. 1 Kor 15,5). Jesus selbst, so das Neue Testament, hat die Geschichte der Kirche an beide gebunden: an Petrus durch die Berufung am See Genezareth und die Neuberufung nach Ostern, an Paulus durch die Bekehrung von religiöser Gewalt und die Berufung zum Apostel der Völker.

Paulus im jüdischen Kontext

Die österlichen Erscheinungen, die Paulus der Reihe nach benennt (1 Kor 15,5 ff.), werden in Analogie zu den alttestamentlichen Theophanieschilderungen überliefert, in denen sich Gott selbst offenbart. 1 Kor 15 beschreibt allerdings eine wesentliche Neuerung: Im österlichen «Offenbarungsgeschehen » ereignet sich aus dem Willen Gottes heraus die Begegnung mit dem auferweckten Kyrios, der seine Zeugen in Dienst nimmt zur Verkündigung des Evangeliums. Die Formulierung «und er erschien» (1 Kor 15,5) greift deutlich auf das alttestamentliche Muster von Gotteserfahrungen und -begegnungen zurück, die Menschen zuteil wurden. Im Blick auf Ostern kann Paulus mit diesem Rückgriff nun die theologische Pointe des Geschehens kraftvoll hervorheben: Das Ereignis der Auferweckung bedeutet die Aufnahme Jesu in das Geheimnis Gottes selbst, und es besagt zugleich, dass der Auferweckte nicht nur die Möglichkeit, sondern auch den Willen hat, von Gott her in der Kraft Gottes als Kyrios in Erscheinung zu treten, um den Menschen, denen er sich zu erkennen gibt, sein pneumatisches Lebendigsein (vgl. 1 Kor 15,45; 2 Kor 3,17) in der Herrlichkeit Gottes zu offenbaren. U ngewissheit herrscht hinsichtlich der genaueren Bedeutung des Begriffes «ektroma», der am ehesten mit «Missgeburt» zutreffend übersetzt wird (1 Kor 15,8). Er findet in der Antike häufig Verwendung in medizinischen Kontexten. Der Ausdruck kann die vorzeitige Geburt bezeichnen, die Fehlgeburt und den Abortus. Wenn der Terminus im ersten Korintherbrief metaphorische Verwendung findet, geschieht dies im Bedeutungsfeld von Ohnmacht, Nichtigkeit und Erbärmlichkeit des Menschen. An keiner Stelle bedeutet «ektroma» «Spätgeburt», sodass die nahe liegende Interpretation des Begriffes im Sinne der späten Berufung des Paulus ausscheidet. Ebenso wenig kommt die Bedeutung «Frühgeburt» in Betracht, die ja nicht mit der paulinischen Position als letztem Apostel korrespondieren würde. Im Anschluss an die Belege, die sich sowohl im Alten Testament als auch bei Philo von Alexandrien finden, scheint es zulässig, in «ektroma» den vor der «Wiedergeburt» geistlich Toten beschrieben zu sehen. Es wird in jedem Fall deutlich, dass der Begriff ein Defizit zum Ausdruck bringt. Durch seine Vergangenheit als Verfolger der Kirche Gottes hat Paulus sich selbst disqualifiziert. Aus eigener Kraft ist er nichts anderes als eine Missgeburt – schwach, defizitär und lebensuntauglich. So bleibt er auf Gottes Gnade angewiesen. Diese Verwiesenheit aber ist entscheidend. Das Bild dient dem Apostel als Negativfolie, die das strahlende, gnadenhafte Geschehen, das ihm in seiner Berufung zuteil wurde, vor Augen führt.

Heute mit Paulus im Gespräch

Die Übereinstimmungen und Unterschiede zwischen den Aposteln Petrus und Paulus haben entscheidend zum Erfolg des Christentums beigetragen. Ohne die Fähigkeit, beiden in etwa gerecht zu werden, beide im Gedächtnis zu behalten, beide zu ehren und zu erklären, zu meditieren und zu reflektieren, hätte es keine grosse Chance gehabt. Ebenso kennzeichnend wie die historischen Biografien sind die Metaphern, die beide Apostel ins Bild setzen: «Fels» ist der eine. So wie nach Jesaja Abraham der «Fels» ist, aus dem Israel «gehauen» wurde (Jes 51,1 f.), so ist Petrus nach dem Matthäusevangelium der «Fels», auf dem die Kirche steht. Dieser Fels wackelt, aber er bricht nicht zusammen. Das ist die Verheissung, von der die Kirche lebt, jenseits aller Erfolge und Misserfolge. «Licht» ist der andere. «Ich habe dich zum Licht für die Völker gemacht»: So beschreibt Paulus – nach der Apostelgeschichte (Apg 13,47) – seine Berufung zum Apostel wiederum im Rekurs auf den Propheten Jesaja (Jes 42,6; 49,6). Dieses Licht flackert, aber es erlischt nicht. Das ist die Hoffnung, von der die Kirche lebt, jenseits aller Erwartungen und Enttäuschungen.

 

Robert Vorholt

Robert Vorholt

Der Münsteraner Priester Dr. Robert Vorholt ist ordentlicher Professor für die Exegese des Neuen Testaments an der Theologischen Fakultät der Universität Luzern.