Zupacken und geschehen lassen

Wann ist Widerstand, wann Ergebung angebracht? Dietrich Bonhoeffer, mystischer Widerstandskämpfer des 20. Jahrhunderts, findet die Antwort im Horchen auf die innere Stimme und im Dialog mit anderen Menschen.

Dietrich Bonhoeffer im Hof des Wehrmachtsuntersuchungsgefängnisses Berlin-Tegel zusammen mit gefangenen italienischen Offizieren, Frühsommer 1944. (Bild: dietrich-bonhoeffer.net)

 

«Mit ihr versinkt uns eine Welt, die wir alle irgendwie in uns tragen und in uns tragen wollen. Die Unbeugsamkeit des Rechtes, das freie Wort des freien Mannes, die Verbindlichkeit eines gegebenen Wortes, die Klarheit und Nüchternheit der Rede, die Redlichkeit und Einfachheit im persönlichen und öffentlichen Leben – daran hing ihr ganzes Herz»1, sagt Dietrich Bonhoeffer im Januar 1936 an der Trauerfeier seiner geliebten Grossmutter Julie Bonhoeffer, die es nicht ertragen konnte, das Recht eines Menschen vergewaltigt zu sehen. In dieser Trauerrede verdichtet sich all das, wofür er selbst ein Leben lang kämpft. Er tut es, wie alle weisen Menschen im Spannungsfeld von Widerstand und Ergebung. Eine Grundhaltung, in die er immer mehr hineinwächst, im Rhythmus von Gelingen und Scheitern. Deshalb ist er mir seit vielen Jahren ein inspirierender Wegbegleiter.

Der Blick von unten

Sein Lebensweg erzählt von einer Verwandlung, in der aus einem eher ängstlichen und scheuen Menschen ein Widerstandskämpfer wird, der seine Stimme erhebt für die Entrechteten. Als erfolgreicher Akademiker eignet er sich in der Härte des Lebens den Blick von unten an. In einem berührenden Brief schreibt er 1944 aus dem Gefängnis an seinen Freund Eberhard Bethge: «Es bleibt ein Erlebnis von unvergleichbarem Wert, dass wir die großen Ereignisse der Weltgeschichte einmal von unten, aus der Perspektive der Ausgeschalteten, der Beargwöhnten, Schlechtbehandelten, Machtlosen, Unterdrückten und Verhöhnten, kurz der Leidenden sehen gelernt haben.»2 Dieser mitfühlende Blick verwandelt auch sein Gottesbild: «Die Bibel weist den Menschen an die Ohnmacht und das Leiden Gottes; nur der leidende Gott kann helfen.»3 Dieser ohnmächtige Gott braucht jede und jeden von uns. Für Bonhoeffer ist es klar, dass Christus uns nicht kraft seiner Allmacht hilft, sondern kraft seiner Schwachheit. Diese Glaubenserkenntnis hilft ihm in den himmelschreienden Zeiten des Nationalsozialismus von drei Möglichkeiten kirchlichen Handelns dem Staat gegenüber zu sprechen:

  1. Den Staat nach dem legitimem Charakter seines Handelns befragen;
  2. Dienst an den Opfern des Staathandelns, auch wenn sie nicht der christlichen Gemeinde angehören;
  3. Nicht nur die Opfer unter dem Rad zu verbinden, sondern dem Rad selbst in die Speichen zu fallen.4

In all den aktuellen sozialpolitischen Fragen erhalte ich zum Glück keine Patentlösung, wann Widerstand und wann Erdulden angesagt ist. Doch ich erahne drei Grundaspekte, die uns als kirchliche Gemeinden leiten können:

  • Sich einmischen im ethischen Diskurs;
  • Tatkräftig sich in der Nachbarschaft solidarisieren mit den Schwächsten;
  • Auch unbequeme, strukturelle Verweigerungen wagen.

Widerstand und Schuld

Dietrich Bonhoeffer ist in dieser anspruchsvollen Gratwanderung unterwegs. Er schreibt Aufsätze, wie zum Beispiel «Die Kirche vor der Judenfrage». Er ist Ende Mai 1934 bei der Geburtsstunde der «Bekennenden Kirche» dabei und er fordert in einem Unrechtsstaat das selbstverantwortete Gewissen und allenfalls auch einen Widerstand mit Gewalt: «Nicht das Beliebige tun, sondern das Rechte tun und wagen, nicht in Möglichkeiten schweben, das Wirkliche tapfer ergreifen, nicht in der Flucht der Gedanken, allein in der Tat der Freiheit.»5 Verantwortungsvoll und gewissenhaft weiss er um die Schuld, die zu jedem Widerstandshandeln gehören kann. Nur wer nichts tut und ein Leben lang auf den richtigen Moment wartet, kann nichts falsch machen und dabei seinen Lebensauftrag verpassen. Renate Wild bringt es in ihrer Biografie von Dietrich Bonhoeffer auf den Punkt: «Kaum einer hat die Frage der Schuldübernahme im politischen Grenzfall so konsequent und reflektiert wie Bonhoeffer. Er tut es stellvertretend für viele Christen im Widerstand, die von ihrer Kirche allein gelassen werden. Aber er wird auch der einzige deutsche protestantische Theologe sein, der später in der Ökumene, in den Befreiungskirchen und -bewegungen Südafrikas und Lateinamerikas eine Rolle spielen wird.»6 Dietrich Bonhoeffer akzeptiert niemals das Recht des Stärkeren wie es die Mehrheit in der evangelischen und katholischen Kirchen Deutschlands tun. Der Preis für seine Radikalität ist hoch, er wird zum «theologischen Obdachlosen», wie er sich selbst nennt. Als sensibler Mensch ringt er immer wieder mit seinen Selbstzweifeln, was mir eine Unterstützung ist im Spannungsfeld von «Kampf und Kontemplation» (Frère Roger Schutz, Taizé).

Aktive Hingabe

«Wo Sehnsucht und Verzweiflung sich vereinen, entsteht Mystik», schreibt Friedrich Nietzsche. In dieser Umschreibung ist der glaubwürdige Weg von Dietrich Bonhoeffer gut aufgehoben. Seine Sehnsucht nach Freiheit, nach Frieden in Gerechtigkeit ist unendlich und er tut sein Möglichstes, um seine Sehnsucht mit vielen Verbündeten verwirklichen zu können. Er ist gradlinig und klug, im Gespräch mit anderen herauszufinden, wann er zupacken soll und er abwarten wird, um sich und andere nicht zu gefährden. Um die illegalen Predigerseminare zu schützen, die er leitet, kann er sich öffentlich eine Zeit lang zurückhalten.

In der ganzen spirituellen Tradition gibt es viele bestärkende Beispiele, in denen Menschen im Horchen auf die innere Herzensstimme und im Austausch miteinander zur Unterscheidung finden, wann handeln und wann geschehen lassen heilsam sein kann. Entscheidend ist die Grundhaltung, nicht in einer passiven Opferrolle stecken zu bleiben, sondern aktiv Hingabe zu leben. In der französischen und auch englischen Sprache wird die unterschiedliche Bedeutung von «Opfer» in verschiedenen Worten ausgedrückt: «victime» (passiv) und «sacrifice» (aktiv). Wie mein Lebensfreund aus Nazareth bleibt Dietrich Bonhoeffer nicht in der Opferrolle stecken, sondern er wächst in die Liebe Gottes hinein, die ihn im Sterben über sich hinauswachsen lässt für die Menschenrechte und eine Kirche, die sich nicht mit einem diktatorischen Staat arrangiert. Deshalb zähle ich ihn in meinem grossen Mystikbuch7 zu den mystischen Menschen des 20. Jahrhunderts, ohne ihn vereinnahmen zu wollen. Wie bei Etty Hillesum, Thomas Merton, Madeleine Delbrêl, Dag Hammarskjöld und Dorothee Sölle begegne ich in seiner Biografie nicht nur einem mutig-vertrauensvollen Menschen, sondern jemandem, der wie alle Mystikerinnen und Mystiker sich auch mit seiner Selbsterkenntnis auseinandersetzt, um sich nicht in einem verbissenen Widerstand zu verirren. Treffend ausgedrückt durch Mahatma Gandhi, den Bonhoeffer so gerne in Indien besucht hätte: «Sei du selbst die Veränderung, die du dir für diese Welt wünscht.» Selbst-, Nächsten- und Gottesliebe sind unzertrennbar. Nicht nur das bewegende Gedicht «Von guten Mächten» ist mir eine Lebenshilfe, sondern auch sein Gedicht «Wer bin ich?», in dem ich erahne, wie Bonhoeffer in den Grenzsituationen nicht nur souverän auftreten kann, sondern auch unter seiner Einsamkeit mit seinen depressiven Phasen leidet: «Bin ich das wirklich, was andere von mir sagen?»  

Dank seinem Vertrauen in eine innere, göttliche Begleitung und seiner echten Demut, auch dünnhäutig sein zu dürfen, wird seine Existenz zum Segensdasein: «Segnen, das heißt die Hand Gottes auf etwas legen und sagen: Du gehörst trotz allem Gott. So tun wir es mit der Welt, die uns solches Leid zufügt.»8 Eindrückliche Worte, die von einer Mystik der offenen Augen erzählen: «Jesus lehrt eine Gottesmystik der gesteigerten Wahrnehmungsbereitschaft, eine Mystik der offenen Augen, die mehr oder weniger sieht, die vor allem unsichtbares, ungelegenes Leid sichtbar macht [...]»9 Dietrich Bonhoeffer lebt diese Mystik.

Pierre Stutz

 

1 Zit. nach Ackermann, Josef, Dietrich Bonhoeffer – Freiheit hat offene Augen. Eine Biografie, Gütersloh 2005, 22.

2 Ebd. 208.

3 Bonhoeffer, Dietrich, Widerstand und Ergebung, Gütersloh 1978, 178.

4 Vgl. Ackermann, Josef, Dietrich Bonhoeffer, a.a.0, 108.

5 Ebd. 261.

6 Wild, Renate, Dem Rad in die Speichen fallen. Die Lebensgeschichte des Dietrich Bonhoeffer, Gütersloh 102016, 179.

7 Stutz, Pierre, Geborgen und frei. Mystik als Lebensstil, München 62018, 118–121. Meditation ist Bonhoeffer wichtig, in einem Vortrag als junger Vikar in Barcelona spricht er von einer Leere für Gott.

8 Brief an Eberhard Bethge am 30. Mai 1944.

9 Metz, Johann Baptist / Peters, Tiemo Rainer, Gottespassion. Zur Ordensexistenz heute, Freiburg i. Br. 1991, 37.

 


PIerre Stutz

PIerre Stutz (Jg. 1953) studierte Theologie in Luzern und arbeitete anschliessend als Jugendseelsorger im Fricktal und in Zürich. Mit Gleichgesinnten gestaltete er die Abbaye de Fontaine-André als «offenes Kloster» – eine Gemeinschaft von Frauen und Männern, auch verheirateten, die miteinander Spiritualität im Alltag suchen und leben. 2002 legte er sein Priesteramt nieder und wohnt seit 2018 in Osnabrück. Er ist Autor zahlreicher spiritueller Bücher.