…wenns für alle "Rote Rosen regnet"

Gedanken zu Pfingsten

Wer am Pfingstsonntag die Eucharistiefeier im römischen Pantheon besucht, wird an deren Ende einen seit dem 7. Jahrhundert überlieferten und seit 1995 wiederbelebten Brauch miterleben dürfen: Während das "Veni, Sancte Spiritus" angestimmt wird, rieselt ein Meer roter Rosenblütenblätter aus der Dachöffnung auf die Menschen herab.

Über den Sinn von manchem kirchlichen Brauchtum lässt sich bekanntlich streiten. Sicherlich auch über diesen, der das Herabkommen des Heiligen Geistes in Form von Feuerzungen erfahrungsdramatisch nachstellen will (vgl. Apg 2). Bei einem befreundeten Ehepaar hat der "pfingstliche Rosenregen" jedoch Folgendes angestossen: "Als über uns die Rosenblätter herunterrieselten, haben wir beide sofort an Hildegard Knefs Chanson ‹Für mich soll’s rote Rosen regnen› gedacht. Daraufhin haben wir uns den ganzen Tag darüber unterhalten, was denn aus all den Möglichkeiten und Idealen geworden ist, von denen wir träumten, als wir noch jung waren."

… wenn’s für mich rote Rosen regnet

"Für mich soll’s rote Rosen regnen, mir sollten ganz neue Wunder begegnen, mich fern vom Alten neu entfalten, von dem, was erwartet, das meiste halten. Ich will, ich will!" Nun hat Hildegard Knef mit diesem Text weder ein pfingstliches Kirchenlied schreiben wollen, noch lässt die Assoziation des Ehepaares es zu, das Chanson in einem naiven Sinn christlich zu "taufen". Was es allerdings vor dem Hintergrund des "römischen Rosenregens" zulässt, ist ein existenzbezogenes Erspüren dessen, was gemäss der neutestamentlichen Ausdeutung das Pfingstfest heilsgeschichtlich meint: Es ist "Ab- und Aufschluss der Geschichte Jesu von Nazaret in einem. Der gewonnene Geist wird potenziell für die ganze Welt geöffnet. Ein Fest der Aussaat (‹Ausgiessung›) scheint es eher zu sein als eines der Ernte."

Aus der existenzbezogenen Perspektive lässt sich das Pfingstfest als heilsgeschichtliches "Fest der Aussaat" in der Tat als "Fest des unbändigen Lebenswillens" deuten, der der pfingstlichen Geisterfahrung als performative Freiheitserfahrung wesentlich zu eigen ist. Denn der Glaube an das stets kreative Geistwirken Gottes als Geistwirken Jesu will das basale Vertrauen in eine Gottesbeziehung stärken, die sich allem entgegenstellt, was Menschen den unstillbaren Hunger nach Leben und den unstillbaren Durst nach Freiheit nehmen will, und die keinen Menschen in die Knie zu zwingen sucht, der mit aufrechtem Gang mutige Schritte in ein kreatives Leben zu wagen beginnt – trotz gegenläufiger Erfahrungen, trotz ängstigender Bruch- und Umbruchsituationen oder lähmender Behäbigkeiten.

… wenn’s für die Kirche rote Rosen Regnet

In dieser befreiten wie befreienden Grundhaltung scheint sodann auch etwas von dem erahnbar, weshalb die christlichen Kirchen mit Recht das Pfingstfest als "Geburtsfest " und "Zukunftsfest" begehen dürfen. Denn es lässt sie nicht nur an die Fülle ihrer kreativen Potenziale und Möglichkeiten erinnern, wie sie jedem neuen Leben zu eigen sind, sondern es lässt sie auch zu dem Mut (zurück)finden, realer Lebensort, prophetische Anwältin und subversive wie offene Kraft für den Lebenshunger und Freiheitsdurst der Menschen zu sein – gerade auch für diejenigen, die nie lernen oder erfahren durften, dass der Name Gottes keine Chiffre lebenshemmender wie lebenssatter (Macht)Verhältnisse ist, sondern wie ein nie versiegender "Geschmack des Lebens" (E. Drewermann).

… ich will!

So gelesen, birgt das Pfingstfest für die menschlichen wie kirchlichen Lebensvollzüge ein wirkliches Potenzial in sich, den Glauben und das Vertrauen an die unbändige Kreativität Gottes wachzuhalten und sich jenseits funktioneller wie systemfixierter Freiheitsparadigmen für solche angst- und zwangsfreie Orte, Räume und Movements einzusetzen, die das "ich will" performativer Freiheitserfahrung aus pfingstlicher Geisterfahrung in jedem menschlichen Leben sprachfähig machen. Ein solches pfingstliches "ich will" könnte seine kreative Wirkmächtigkeit sodann nicht nur in Bezug auf alle ökumenischen Bemühungen und Bewegungen der Kirchen zur Entfaltung bringen, die sich dann auch von echtem gegenseitigem Respekt und frei von jeglichem Vereinnahmungswillen getragen wüssten, sondern es könnte auf das je eigene Selbstverständnis der christlichen Kirchen dahingehend rückwirken, jenseits aller Berührungsängste nichts unversucht zu lassen, in jedem Menschen das ihm eigene Möglichkeitspotenzial von befreitem wie befreiendem Leben zum Schwingen zu bringen und ihn zu ermutigen und zu begleiten, sein Leben so weit und so gross wie nur möglich auszugestalten. Warum sollte es also nicht an Pfingsten rote Rosen regnen?

 

 

 

 

1 Bildnachweis: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:PioggiadiRosealPantheonperlafesta_diPentecoste.PNG

2 Alex Stock: Poetische Dogmatik. Gotteslehre 3. Bilder, Paderborn 2007, 149.

3 Ausführlicher in: Salvatore Loiero: Wenn es an Pfingsten "rote Rosen regnet" – oder: Über die Befreiung zum geistreichen Leben, in: Diakonia 47 (2016), 94–100.

Salvatore Loiero

Salvatore Loiero

Dr. theol. habil. Salvatore Loiero ist Professor des deutschsprachigen Lehrstuhls für Pastoraltheologie,
Religionspädagogik und Homiletik an der Theologischen Fakultät
der Universität Freiburg i. Ü.