Stephen Kings Werk «Das letzte Gefecht», das Heinz Angehrn in der SKZ 17 kommentierend vorstellt, ist voller biblischer Bezüge. Ob der Buchautor auch die Botschaft Jesu Christi halbwegs verstanden hat, ist mehr als zweifelhaft, auch wenn man sein Werk biblisch-theologisch prächtig deuten kann, wie der Autor des Artikels schreibt. In Stephen Kings Werk führt der Kampf von Gut und Böse zu einer Aufteilung der Menschen, die sich um eine Gute und um einen Bösen scharen. Und diese Aufteilung, so meint Heinz Angehrn, lässt sich auf die heutige Zeit übertragen, wo die demokratischen und auf Menschenrechte bedachten Guten mit den autokratischen, grausamen Bösen zu kämpfen haben.
Lässt das Evangelium eine solche Sichtweise zu? Nein! Ist uns Christen im Westen bewusst, dass wir einen Balken im Auge haben, wenn wir die Nationen nach einem solchen Schema aufteilen? Aufschlussreich ist ja, dass Jesus nicht sagt, dass wir uns selber prüfen müssen, wenn uns das Böse anderer ins Auge springt und wir um dieses kreisen, sondern es als gegeben ansieht, dass wir in einem solchen Fall einen Balken im Auge haben. Die Fokussierung auf das Böse anderer geht also immer mit einer Blindheit sich selber gegenüber einher. Diese Wahrheit des Evangeliums läuft grundlegend unseren spontanen, natürlichen Tendenzen und Einsichten zuwider, dass wir sehr oft gar nicht realisieren, was Jesus sagt und meint. In den Evangelien fällt desweitern auf, dass Jesus weniger Mühe hatte mit den notorischen Sündern, mit jenen, die offenkundig Böses taten, als mit den frommen Guten. Die Ersteren waren viel eher bereit, zur Einsicht der Wahrheit über sich selber zu kommen als die Letzteren, die in ihre Selbstgerechtigkeit eingeschlossen blieben. So gibt Russland durchaus zu, dass es Böses tut und suchte nach Auswegen. Der Westen wusste aber immer, dass er sich für die Demokratie und Menschenrechte einsetzt und auf dem rechten Weg ist. Das ist das, was wir ständig in den Medien vernehmen. Da ist null Fähigkeit zu Selbstkritik. Dass vielen Leuten bei uns diese Selbstgerechtigkeit nicht auffällt und sie nicht kritisch werden gegenüber der ständigen Selbstbeweihräucherung mit der Rede von Menschenrechten und Demokratie, verwundert mich immer wieder. Wenn man einmal beginnt, unsere mit so schönen Begriffen gespickten Narrative zu hinterfragen, würde man die ganze Verlogenheit, Heuchelei und Arroganz dahinter mehr und mehr erkennen. Wenn man das Evangelium aufmerksam liest, verwundert das einem nicht. Wie ein Krimi liest sich übrigens das Buch von David Talbot «Das Schachbrett des Teufels» über die CIA, das ein richtiger Augenöffner ist. Interessant ist, dass er es jemandem widmete, die es wagte, zu wissen. In die eigenen Abgründe zu schauen, ist schwierig. Wenn man es aber nicht wagt, sollte man so klug sein, die Nationen nicht in gute und böse einzuteilen. Übrigens war mir bei der Rede US-amerikanischer Politiker von den Schurkenstaaten intuitiv schon immer klar, dass diese Typen die grössten Heuchler sind.
Wendelin Fleischli, Flüeli-Ranft