«Sich selbst neu verstehen als Teil der Natur»

Fast täglich kommen Meldungen zu den Auswirkungen der Klimaerwärmung und der ökologischen Krise. Markus Knapp reflektiert in seinem neuen Buch «Gott – Natur – Mensch»1 das Verhältnis des Menschen zur Natur.

SKZ: Herr Knapp, an das Christentum wird bisweilen der Vorwurf gerichtet, dass es die ökologische Krise befördert habe. Was ist dran an diesem Vorwurf? 
Markus Knapp*: Dieser Vorwurf trifft zu. Das Christentum ist zwar nicht die Ursache für das problematische Verhältnis der Menschheit zur Natur, das mit der Klimakrise – wie auch mit der Biodiversitätskrise – unübersehbar geworden ist, aber es hat dieses problematische Naturverhältnis religiös legitimiert und damit auch befördert, insbesondere durch eine unreflektierte Propagierung des biblischen Auftrags an die Menschheit, sich die Erde untertan zu machen (Gen 1,28).

Wo greift er zu kurz?
Der Vorwurf greift zu kurz, wenn sich zeigen und begründen lässt, dass das lange Zeit selbstverständliche Verständnis des biblischen Herrschaftsauftrags der ursprünglichen Intention der biblischen Texte zuwiderläuft. Hier hat insbesondere die alttestamentliche Forschung in den letzten Jahrzehnten zu frappierenden neuen Einsichten geführt, die nun in einer theologischen Reflexion der Klimakrise auch zur Geltung gebracht werden müssen. 

Sie kommen in Ihrem Buch auf Max Horkheimers und Theodor W. Adornos «Dialektik der Aufklärung» zu sprechen. Worum geht es Horkheimer und Adorno? 
Horkheimer und Adorno haben das Verhältnis der Menschheit zur Natur als grundsätzlich verkehrt und unheilvoll verstanden. Angesichts der Übermacht der Natur über den Menschen hat dieser sich von Anfang an darauf verlegt, sich die Natur bedingungslos zu unterwerfen, um so das eigene Überleben zu sichern. Diese Angst um sich selbst hat den Menschen blind dafür werden lassen, dass er ja selbst Teil der Natur und diese deshalb nicht sein Feind ist. Die destruktiven Konsequenzen dieses grundsätzlich falschen Verhältnisses zur Natur zeigen sich heute angesichts der Klimakrise in dramatischer Weise.

Was kann Horkheimers und Adornos Ansatz für die Fragen, die sich durch die ökologische Krise stellen, bieten?
Die philosophische Analyse von Horkheimer und Adorno läuft auf die Einsicht hinaus, dass die Menschheit den katastrophischen Gang ihrer Geschichte nur beenden kann, wenn sie sich in ein grundlegend neues Verhältnis zur Natur setzt, sich selbst neu verstehen lernt als Teil der Natur. Daran kann dann die Theologie mit ihrem Verständnis des Menschen als Bild Gottes in der Schöpfung anschliessen.

Sie plädieren für eine notwendige Revision des Verhältnisses der Menschheit zur Natur. Welches sind Merkmale des revidierten Verhältnisses?
Zu einem grundlegend veränderten Verhältnis gehört unabdingbar, dass die Natur etwas dem Menschen Vorgegebenes ist, dessen Eigengesetzlichkeiten sie zu achten und zu respektieren hat und nicht ihrem eigenen Streben nach Macht, Wohlstand und Selbstoptimierung opfern darf. Das heisst, der Mensch muss akzeptieren lernen, dass die Natur etwas für ihn unverfügbar Bleibendes behält.

Wie kann heute das Christentum eine Orientierung im Umgang mit der Klimakrise sein?
Das Christentum kann entscheidend dazu beitragen, dass die Angst des Menschen um sich selbst angesichts seiner Gefährdung und Bedrohtheit durch die Natur entmachtet wird durch die Zusage des rettenden Beistandes Gottes. Auf diese Weise entsteht die Grundlage eines revidierten menschlichen Selbstverständnisses und damit eines neuen Verhältnisses zur Natur.

Interview: Maria Hässig

 

*Prof. em. Dr. Markus Knapp (Jg. 1954) studierte katholische Theologie und Soziologie in Frankfurt a. M. Er promovierte und habilitierte in Würzburg. Seit 1995 war er Professor für Dogmatik an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Ruhr-Universität Bochum. 2000 übernahm er den Lehrstuhl für Fundamentaltheologie.

1 Knapp, Markus, Gott – Natur – Mensch. Eine theologische Standortbestimmung angesichts der Klimakrise, Freiburg i. Br. 2023.