Festschrift 150 Jahre Inländische Mission

Urban Fink: Schweizer Katholizismus in Bewegung. 150 Jahre Inländische Mission. Zug 2013, 52 S.

Im Jahre 1863 wurde innerhalb des Piusvereins das erste katholische Hilfswerk, die «Inländische Mission» (IM), zum seelsorgerlichen Aufbau und zur Unterstützung des Diasporakatholizismus gegründet. Eine 52-seitige Festschrift im A4-Format, verfasst vom Kirchenhistoriker Urban Fink, der zugleich Redaktionsleiter der SKZ ist, erhellt die Geschichte der Inländischen Mission im Kontext der Schweizer Geschichte, erläutert den Wandel des Zweckparagrafen und zeigt die segensreiche Wirkung dieser Institution auf. Bischof Markus Büchel, Präsident der SBK, und Stän-derat

Paul Niederberger, der aktuelle Präsident der IM, laden im Geleitwort zum Jubiläumsgottesdienst am 2. Juni 2013 nach Einsiedeln, dem Gründungsort, ein. In allen Diözesen werden weitere Dankgottesdienste gefeiert. Die «Inländische Mission» entstand 1863 an der Jahresversammlung des Piusvereins in Einsiedeln als finanzielles «Standbein » der katholischen Seelsorge in den Diasporagebieten. Aufgrund der durch die Bundesverfassung gewährten Niederlassungsfreiheit konnten sich die Katholiken in den wirtschaftlich prosperierenden Städten niederlassen. Was ihnen aber in den seit der Reformation neugläubigen Städten fehlte, waren Gottesdienstgelegenheiten und eine Infrastruktur des gelebten Glaubens, dazu auch Seelsorger. Der Kapuzinerpater Theodosius Florentini, damals Generalvikar des Bistums Chur, regte – analog zum Bonifatiuswerk in Deutschland – für die Schweiz ein Hilfswerk zur finanziellen Unterstützung des Diasporakatholizismus an.

Der Aufbau der IM

Der Mangel des Diasporakatholizismus bestand in der fehlenden öffentlich-rechtlichen Anerkennung der katholischen Konfession und damit im Recht, Kirchensteuern einzuziehen. Sollte aber das damals strikt konfessionelle Leben gedeihen, war deshalb Hilfe von aussen nötig. So begann die IM, Gelder für Kirchenbauten, Missionsstationen und «Wanderseelsorger » bereitzustellen. In missionarischem Eifer wurden diese Gelder von den eigenen Leuten durch Opfereinzüge und Hauskollekten gesammelt. Im 60. Gründungsjahr (1923) etwa unterstützte die IM bereits 124 Diasporapfarreien, 50 Missionsstationen oder Pfarrrektorate, 11 Italienermissionen, zwei Kinderheime und die Polenmission. Die Kirchenbauten von Aarau (1880), Zofingen (1887) und Brugg (1899), meiner Heimatpfarrei, wurden mit Beiträgen von 100 000 Franken unterstützt. Besonders wichtig war die Unterstützung der welschen Kantone und des Kantons Tessin, weil dort die Unterscheidung von Kirche und Staat die rechtliche Anerkennung und damit der Einzug von Kirchensteuern unmöglich waren und bis heute sind. Die Festschrift zeigt lebendig und eindrücklich auf, wie die Pfarreien in den Kantonen Zürich, Aargau, Bern, Basel, Solothurn und Schaffhausen unterstützt und aufgebaut wurden, ein Vorgang, der für heutige Leserinnen und Leser angesichts der Zusammenlegung von Pfarreien und der Entstehung der grösseren Seelsorgeeinheiten («Jumbopfarreien ») durchaus irritierend wirkt. Viele Köpfe und Präsidenten der IM waren wichtig, neben Dr. Melchior Zürcher-Deschwanden Theodor Scherer-Boccard, die späteren Bundesräte Dr. Philipp Etter und Dr. Hans Hürlimann, alt Regierungsrat Walter Gut, viele Geistliche wie etwa der Diasporapfarrer Albert Hausheer, Franz Schnyder und Robert Reinle und viele Laien, die das Werk führten und weiterbrachten.

Die Zukunft der IM

Neben den im Leitbild verankerten Aufgaben wie die Unterstützung der Seelsorge, die Erhaltung der kirchlichen Bauten, die Förderung pfarreiübergreifender Projekte zur Weitergabe des Glaubens und weitere stellen sich dieser nicht gewinnorientierten Organisation folgende Herausforderungen: die immer wiederkehrende Diskussion um die Kirchenfinanzierung und die Kirchensteuern, die zunehmende Distanzierung Getaufter von der Kirche bis hin zum Kirchenaustritt, eine unabdingbare Kooperation mit Römisch-Katholischer Zentralkonferenz und Fastenopfer, die Umnutzung kirchlicher Gebäude, eine Ausbalancierung wohlhabender und armer Kirchgemeinden. Entscheidend aber ist nicht allein das Geld, sondern die Lebendigkeit der Kirche vor Ort, die Leuchtkraft des Evangeliums einer Christenheit, die ihre Verankerung in Gott hat, mit den Worten des mutigen Abtes Martin Werlen: Noch dringender ist es, miteinander «die Glut unter der Asche» zu entdecken. In diesem Sinne kann die interessante, historisch aufschlussreiche Festschrift mit ihrem hohen Informationswert (Statistiken, Tabellen, Fotos, Bibliografie) und mit einer französischen und italienischen Kurzfassung allen herzlich empfohlen werden. In nuce ist sie eine kleine Geschichte der katholischen Schweiz seit der Mitte des 19. Jahrhunderts.

 

Stephan Leimgruber

Stephan Leimgruber

Dr. Stephan Leimgruber ist seit Februar 2014 Spiritual am Seminar St. Beat in Luzern und zuständig für die Theologinnen und Theologen in der Berufseinführung. Bis zu seiner Tätigkeit in Luzern war er Professor für Religionspädagogik an der Theologischen Fakultät in München.