Die vorliegende Publikation umfasst Beiträge zum Thema Machtmissbrauch und sexuelle Gewalt in der Kirche. Dazu äussern sich der Herausgeber Dr. Adrian Loretan, Prof. für Kirchenrecht und Staatskirchenrecht an der Universität Luzern, die beiden Preisträger der «Herbert Haag-Stiftung für Freiheit in der Kirche» 2022, Dr. theol. Doris Reisinger, Frankfurt und Prof. Dr. theol. Wolfgang Treitler, Wien, sowie die Juristin und ehemalige Präsidenten der Republik Irland, Prof. Dr. Mary Mc Aleese, Dublin, Ehrendoktorin 2022 der theologischen Fakultät Luzern. Letztere hat ein Forschungsprojekt zum Thema initiiert und eine in den Medien viel beachtete Podiumsdiskussion organisiert.
Das Bekanntwerden des weltweiten Machtmissbrauchs durch Priester und Bischöfe, der sexuelle Gewalt erst ermöglicht, und deren praktizierte Vertuschung verlangen nach einer schonungslosen Aufarbeitung und einer Revision des kirchlichen Systems. Die Autoren der Beiträge sind sich darin einig, dass der wesentliche Grund der Problematik in einem überhöhten Priesterbild zu suchen ist. Klerikalismus, klerikales Recht und Korruption haben das System der katholischen Kirche desavouiert. Loretan weist in seiner Einleitung darauf hin, dass die Opfer der sexuellen Gewalt heute ihre Rechte einfordern. Dabei trifft das moderne Rechtsverständnis auf eine durch den Antimodernismus geprägte Institution. Ein beachtenswerter Hinweis bezieht sich auf das von Papst Paul VI. vorgesehene «Kirchliche Grundgesetz», das die Grundrechte und Würde der menschlichen Person festschreiben sollte, welches aber von seinem Nachfolger nicht weiterverfolgt wurde. Beklagt wird zudem das Fehlen einer Debatte über eine mögliche Gewaltenteilung in der Kirche.
Sowohl Doris Reisinger als auch Wolfgang Treitler, beide persönlich von sexuellem Missbrauch betroffen, weisen in ihren Beiträgen hin auf die Kluft zwischen Kirchenbild und Zivilgesellschaft, bzw. Lehramt und Theologie. Reisinger fordert die Einhaltung von Menschenrechten in der Kirche ein sowie eine radikale Reform. Für sie ist das Ende der katholischen Kirche in ihrer bisherigen Gestalt gekommen. Ebenso geht Treidler vom Niedergang der katholischen Kirche aus und stellt eine Infantilisierung und eine tiefgehende Gotteskrise fest. Die Einforderung eines «kindlichen Gehorsams» und eine körperfeindliche Haltung tragen das Ihre zur Krise bei. Auf dem Hintergrund des jüdischen Ansatzes vom «leeren Heiligtum» bietet er als Alternative die Unaussagbarkeit Gottes an. Treidlers schonungslose Abrechnung mit Dogma und Kirchenlehre ist wohl auch eigener Erfahrung als Opfer sexueller Gewalt geschuldet. Davon abgesehen legt er den Finger aber zu Recht auf wunde Stellen des kirchlich-theologischen Systems.
Der Festvortrag zur Verleihung der Ehrendoktorwürde von Mary McAleese (in der englischen Originalversion und in deutscher Übersetzung) behandelt in einer entwicklungsgeschichtlichen Analyse die Problematik der Gewalt gegen Kinder (Körperstrafe) und die Kinderrechtskonvention der Vereinten Nationen über die Rechte des Kindes und die Position des Vatikans, der die Konvention zwar unterzeichnet hat, aber massiv gegen sie verstösst und damit seine Glaubwürdigkeit zu verlieren droht.
Es wurde und wird viel zum Thema Machtmissbrauch und zur sexuellen Gewalt in der Kirche diskutiert und geschrieben. Die hier publizierten Überlegungen aus rechtswissenschaftlicher und theologischer Sicht laden zu ernsthafter Auseinandersetzung ein. Sie zeigen die Ursachen des Skandals auf und verlangen eine Weiterführung des Diskurses bezüglich einer substanziellen Reform der Kirche. Zahlreiche Literaturhinweise und Fussnoten belegen die gemachten Aussagen und ermöglichen ein fruchtbares Weiterdenken.
Hansruedi Kleiber SJ