Die Zeit der Ernte kommt

Don Johannes begeht auf seinem langen Weg quer über den Alpenbogen auch die Schweiz. Doch werden seine alpinen Begegnungen von der Aktualität getrübt.

 

Tag 85: Es ist meine letzte Nacht in der Schweiz, vorläufig jedenfalls. Meine weiten Schleifen durch die Berge werden mich demnächst noch einmal kurz in den Kanton Tessin bringen. Von der Bettkante aus blicke ich auf den Totenkopf im obersten Regal mir gegenüber. Eine barocke Erinnerung an die Sterblichkeit – so deute ich den Schädel in der mit Lärchenholz getäferten Mönchszelle, die mir in Abwesenheit des Bewohners als Quartier zugewiesen worden ist. Denn das Hospiz am Grossen St. Bernhard mit Europas höchstem Kloster ist wie so oft mit Gästen voll. Pilger am Weg nach Rom und Ruhesuchende geben sich hier die Klinke der Tür in die Hand, die kein Schloss besitzt – noch nicht einmal ein Schlüsselloch –, seit fast eintausend Jahren.

Die Freundlichkeit, mit der auch ich aufgenommen wurde, war Balsam für die Seele. Einen guten Teil des Weges von Martigny im Wallis hierher hinauf stapfte ich mit Wut im Bauch über Priester und Prälaten, die ihre Macht missbrauchen und sich an den ihnen Anvertrauten versündigen. Wieder. Schon wieder! Das berichten die Medien. Hat das Gerede vom «lieben» Gott diese Herrn vergessen lassen, dass der Allmächtige auch Richter ist?! Dass der «nette Bruder» Jesus Wehrufe über jene ausgestossen hat, die sich als Wölfe erweisen?! Wenn ich an das menschliche Leid denke, über das ich gestern gelesen habe, schnürt es mir immer noch die Kehle zu und bitter ist der Geschmack.

Die liebenswürdigen Chorherren indes, die geduldig mein «italienisches» Französisch ertragen, können zwar die Übel nicht ungeschehen machen, aber sie zeigen mir im rechten Moment das andere menschliche Gesicht der Kirche. Es begegnet mir immer wieder. Auch über die letzten Wochen in der Schweiz. Ich denke an den Pfarrer von Ziteil, dem Wallfahrtsort am Osthang des Piz Curvér im Kanton Graubünden, einen spätberufenen Koch und Konditormeister, seine Nusstorte, seine Hingabe beim Schmücken des Altars und seine kindliche Freude über einen Regenbogen. Ich denke an die herzliche Aufnahme in Einsiedeln, die Gespräche mit den Jungen, das erhebende Chorgebet.

Auf dem Acker Gottes, welcher die Kirche ist, ist ausgesät und es wächst beides: Gutes und Böses. Und es gilt wohl für jedes einzelne Herz. Eine Mahnung sei es. Die Zeit der Ernte kommt.

Johannes Maria Schwarz

 

Über 1000 Gebetsanliegen hat Don Johannes im Gepäck, und man kann ihm weiterhin bis Ende Oktober über www.4kmh.com welche zusenden. Unter der gleichen Adresse finden sich auch Blogs und Bilder seines Weges.

 


Johannes Maria Schwarz

Dr. Johannes Maria Schwarz, genannt Don Johannes (Jg. 1978), hatte seinen Ausbildungsschwerpunkt zunächst in bildender Kunst und Schauspiel (McDonald College of Performing Arts, Sydney, Australien). Nach der Kunstmatura am Adalbert Stifter Gymnasium in Linz (A) begann er das Theologiestudium am Internationalen Theologischen Institut (A). 2004 erwarb er das Lizenziat, 2006 das Doktorat an der Facoltà di Teologia di Lugano. 2004 wurde er zum Priester geweiht und wirkte im Anschluss bis 2013 als Kaplan in der Pfarrei St. Josef, Triesenberg (FL). Von 2007 bis 2012 war er Gastprofessor am Internationalen Theologischen Institut (Trumau, Niederösterreich); von 2014 bis 2016 Vizedirektor des Priesterseminars Leopoldinum Heiligenkreuz. Seit 2008 ist er als Vorsitzender von kathmedia Initiator zahlreicher katechetischer Projekte und arbeitet seit Herbst 2016 an neuen Animations- und Filmprojekten. Dafür verbringt er viel Zeit in der Abgeschiedenheit einer Einsiedelei in den italienischen Alpen.