«Die Diagnose erschreckt, und doch trifft sie ins Herz kirchlicher Selbsterkenntnis.»
Wunibald Müller, studierter Theologe und Psychologe, arbeitete jahrzehntelang zugunsten von Seelsorgenden in Ausnahmesituationen, ab 1983 im Auftrag der Diözese Freiburg i. Br. und vor allem als Leiter des Recollectiohauses in Münsterschwarzach von 1991 bis 2016. Dies macht seine Thesen und Forderungen so praxis- und lebensnah.
Zur Erinnerung: Münsterschwarzach ist seit Jahrzehnten der Ort, an den deutschsprachige Diözesen Priester und weitere Seelsorgende, die selbstverschuldet oder auch im Verlauf von psychischen Krisen in Ausnahmesituationen gerieten (Alkoholismus, Missbrauch u. v. m.), in ein streng geregeltes Sabbatical schickten. Das Sabbatical bot den Raum, um ihre persönliche Situation zu klären und oft auch zu entscheiden, ob und wie sie im kirchlichen Dienst bleiben wollten. Sehr häufig stellte sich im Verlauf dieser bewusst als Therapie angelegten Aufenthalte heraus, dass die Balance zwischen christlich-kirchlichem Seelsorgeengagement zugunsten anderer und der dazu notwendigen Pflicht zur Selbstsorge völlig aus dem Gleichgewicht geraten war. Darum lohnt es sich, den Blick auf Müllers wohl wichtigstes Buch zu werfen. 1995 erschien das Buch «Die Ehre Gottes ist der lebendige Mensch» mit dem Untertitel «Selbstverwirklichung als Menschwerdung».1 Müller nimmt mit dem Titel des Buches einerseits auf ein Zitat von Irenäus von Lyon und andererseits auf folgende Verse aus Baruch (2,17f) Bezug:
«Nicht die Toten in der Unterwelt, deren Geist aus ihrem Leben gewichen ist, rühmen die Herrlichkeit und Gerechtigkeit des HERRN; sondern die leben und sehr betrübt, gebeugt und schwach sind mit ausgeweinten Augen und hungriger Seele, die rühmen, HERR, Deine Herrlichkeit und Gerechtigkeit.»
Müllers Diagnose ist brutal und ehrlich: Viele der Seelsorgenden, die ihm in seiner Arbeit mit ihren vielen therapeutischen Gesprächen begegnet sind, waren nicht «lebendige Menschen», sondern vielmehr das Gegenteil: ausgelaugt, eingeknickt, ohnmächtig, innerlich verblutend, mehr tot als lebendig. Kein Wunder, dass manche da kompensieren mussten, kein Wunder, dass manche ihren ethischen Kompass verloren, kein Wunder, dass es zu Zynismus in der Arbeitshaltung oder zu blankem Machtmissbrauch kam. Sauber listet der Verfasser auf, was manche Seesorgende, auch die, die dem grossen Absturz entkommen sind, erlebt haben:
- Der Weg von der «Zeit der ersten Liebe» (dem Enthusiasmus in Studium und Seminar, der Begeisterung in der ersten Pfarrei) zur «Apathie»2 aufgrund von Erschöpfung, Verlustgefühlen, Selbstzweifeln und schliesslich Selbstmitleid. Schlafmangel und vermehrter Gebrauch von Suchtmitteln sind oft die direkte Folge.
- Die Not aufgrund des Gefühls, ständig mehr geben zu müssen als man hat.3 Menschen, die als Seelsorgende zu Perfektionismus tendieren, teilen den Glauben an die drei grossen A: allmächtig, allwissend und allgegenwärtig sein zu müssen. Gerade sie stürzen am steilsten ab.
- Die daraus folgende Conclusio vieler Betroffener «Eigentlich bin ich ganz anders, aber ich komme selten dazu» (ein Zitat des Dichters Ödön von Horváth).4 Wer nicht länger weiss, wer er ist und was er will, oder zwar weiss, was er ist und will, aber es nicht verwirklicht, läuft in Gefahr, sich selbst zu verlieren.
Die Diagnose erschreckt, und doch trifft sie ins Herz kirchlicher Selbsterkenntnis. Entscheidend in Müllers Buch ist darum das dritte Kapitel.5 Müller will, dass Seelsorgende nicht «leblose Überreste eines einst lebendigen Wesens» sind, die «alles Persönliche, Gefühle, das eigene Innerste dem Amt unterordnen» müssen. Er fasst seine therapeutische Arbeit in Münsterschwarzach zusammen und formuliert an zentraler Stelle wie folgt:
«Je mehr Seelsorgende wirklich das Leben, das ganze, wahre Leben in all seinen Schattierungen in ihrem Leben zulassen, desto mehr preisen sie Gott durch ihr Leben und desto ansteckender wirken sie auf andere, ermutigen sie zum Leben und zur Lebendigkeit und werden genau darin einer grundsätzlichen Seelsorge gerecht, die im wahrsten Sinne des Wortes Grundlage jener Seelsorge sein kann, die gegenwärtig das Bild und die Art christlicher und kirchlicher Pastoral prägen.»6
Heinz Angehrn*
«Nachhaltige Personalentwicklung kann Resignation und Ausbrennen vorbeugen helfen.»
Mit Blick auf die ausgebrannten Seelsorgenden im Recollectio-Haus der Abtei Münsterschwarzach fragt Wunibald Müller 1995: «Gibt es eine Wunde, die sie miteinander teilen?»7 Seine Überlegungen schliesst er mit einem Rückgriff auf den Sisyphos-Mythos: Die einen erleben ihre Tätigkeit trotz Aufopferung als Scheitern mit der Folge, dass manche «stumpf werden, resignieren, der Monotonie verfallen.»8 Andere erfahren sich «ausgestattet mit der Fähigkeit, der Welt um sich und ihrem Tun, einen Zweck, einen Sinn zu geben.»9 Sie sind wie Albert Camusʼ glücklicher Sisyphos entzückt von einer jenseitigen Melodie, die sie im Erleben von Sinnlosigkeit und Dunkelheit doch Licht sehen und Sinn entdecken lässt.
Zwei Jahrzehnte später sind die Ressourcen und Belastungen von Seelsorgenden Gegenstand einer umfangreichen Seelsorgestudie mit Daten von 8574 pastoralen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern aus 22 von 27 deutschen Bistümern. Was Müller in seinem Epilog «die Fähigkeit, der Welt einen Sinn zu geben» nennt, bildet diese Studie mit einem Konzept ab, das auf den jüdischen Medizinsoziologen Aaron Antonovsky zurückgeht. Antonovsky stösst 1970 bei Forschungen in Israel auf eine Frage, die er rückblickend als «Kehrtwendung» beschreibt. Unter den Frauen in einer Studie sind auch solche, die während der Naziherrschaft in einem KZ interniert waren und folglich gesundheitlich schlechtere Werte aufweisen. Doch wie lässt sich erklären, dass sich rund 30 Prozent gesundheitlich unauffällig zeigen?10 Diese Beobachtung lenkt sein Interesse von den Ursachen für Erkrankung hin zur Frage, was Menschen gesund werden und bleiben lässt. Antwort auf seine «salutogenetische Frage»11 findet Antonovsky in einer Art generalisierter Weltsicht, die sich bis zum Erwachsenenalter herausbildet und stabilisiert, und nennt sie «sense of coherence» (deutsch: Kohärenzgefühl oder -sinn). Die individuelle Ausprägung dieses Kohärenzgefühls zeigt sich in drei Komponenten, «Verstehbarkeit, Handhabbarkeit, Bedeutsamkeit»12: wie sehr die Umwelt als verstehbar, die eigenen Ressourcen als geeignet zur Bewältigung von Anforderungen und schliesslich das Leben als sinnvoll wahrgenommen wird. Je stärker das Kohärenzgefühl ausgeprägt ist, desto eher werden Anforderungen als Herausforderungen erlebt, deren Bewältigung wiederum stärkend wirkt. Demgegenüber werden jene mit schwachem Kohärenzgefühl Anforderungen eher als bedrohlichen Stress erleben, von schlechten Lebenserfahrungen weiter geschwächt und möglicherweise ihre Ressourcen gar nicht erst aktivieren.
In der Seelsorgestudie erweist sich das Kohärenzgefühl als «zentrale Ressource mit großer Bedeutung für Lebenszufriedenheit, Gesundheit und Engagement».13 Nun offenbart die Studie unter den Seelsorgenden ein gegenüber vergleichbaren Berufsgruppen deutlich verringertes Kohärenzgefühl, besonders bei Priestern, mit Unterschieden in den Tätigkeitsfeldern und Positionen. Diese Abweichung erscheint den Studienautoren derart auffällig, dass sie sogar ihren Fragebogen hinterfragen. Angesichts dieses Befunds erinnern die Autoren an die häufig (lebens-)langen kirchlichen Berufsbiografien, regen gezielte Förderungsstrategien an und formulieren kritische Anfragen an Personaleinsatz und Personalauswahl: Zum einen könnte ein kirchlicher Dienst auf Menschen attraktiv wirken, die Sicherheit suchen, zum anderen könnte die Kirche mit ihren Rollenmodellen Menschen mit gering ausgeprägter Sicherheit bevorzugen.
Angenommen, eine Schweizer Studie käme nicht zu grundlegend anderen Ergebnissen, wären derartige Anfragen an Auswahl, Einsatz und Förderung des Personals in den Bistümern der deutschsprachigen Schweiz unter den Bedingungen ihrer dualen Strukturen zu diskutieren. So erhöht der zunehmende Personalmangel in den Kirchgemeinden den Druck auf Rekrutierung und Einsatz, schlimmstenfalls auf Kosten der Sorgfalt. Nachhaltige Personal- und Organisationsentwicklung können die Zufriedenheit und Gesundheit unserer Seelsorgenden fördern und so Resignation und Ausbrennen vorbeugen helfen, erfordern aber Ressourcen und vermehrte Koordination auf allen Ebenen.Michael Kontzen
Michael Kontzen**