«An dieser ersten Begegnung erlebte ich ein gutes Miteinander»

Im Januar hatten aus dem Amt geschiedene Priester aus dem Bistum Chur eine Begegnung mit Bischof Joseph Maria Bonnemain. Darüber sprach die SKZ mit Walter Eigel und Beat Huwiler.

Walter Eigel (links) und Beat Huwiler. (Bild: mh)

 

SKZ: Herr Huwiler, Sie hatten zusammen mit anderen aus dem Amt geschiedenen Priestern im Januar eine Begegnung mit Bischof Joseph Maria Bonnemain. Wie kam es zu dieser Begegnung?

Beat Huwiler (BH): Die Begegnung hat eine Vorgeschichte. Seit langem hege ich den Wunsch, dass der amtierende Bischof mit uns – den aus dem Amt geschiedenen Priestern – in Kontakt tritt. Ich suchte jährlich zwei bis drei Mal das Gespräch mit den Bischöfen des Bistums Chur, mit Wolfgang Haas, Amedée Grab, Vitus Huonder, Peter Bürcher und auch mit Joseph Maria Bonnemain. Mit Bischof Vitus erörterte ich in einem Gespräch den Sprachgebrauch «laisierte Priester». Eine Laisierung ist gar nicht möglich, da die Priesterweihe ein unauslöschliches Sakrament ist (Priester auf ewig). Wir sind nicht laisiert, sondern bleiben Priester, wenn auch aus dem Amt geschiedene. Ich fragte ihn, was er für diese Priester seines Presbyteriums tue, und verwies ihn auf die jährlichen Begegnungen, die der ehemalige Bischofs Klaus Hemmerle (1929–1994) mit seinen aus dem Amt geschiedenen Priestern pflegte. Zu diesen Begegnungen gehörten ein Austausch und ein gemeinsames Mittagessen. Daraufhin lud Bischof Vitus uns ein. Zehn aus dem Amt geschiedene Priester folgten der Einladung. Es war eine punktuelle Angelegenheit, es folgten keine weiteren Treffen oder Kontakte. Mir gefiel bei dieser Begegnung, dass wir sehr offen miteinander redeten. Es gab keine aggressiven und verbitterten Worte, auch wenn aufgrund von Erfahrungen bei den Einzelnen da und dort Enttäuschungen und Verletzungen vorhanden waren. Nach der Wahl von Joseph Maria Bonnemain zum Bischof von Chur ging ich auch auf ihn zu und erzählte ihm von meinem Wunsch nach einem Treffen von uns aus dem Amt geschiedenen Priestern mit ihm. Bischof Joseph Maria kam diesem Wunsch nach und lud uns zu einer Begegnung ein. 

Herr Eigel, welche Themen kamen am Treffen zur Sprache?
Walter Eigel (WE): Das Treffen kam im Januar zustande: zwölf Personen folgten der Einladung von Bischof Joseph Maria. Eigentlich fühlten sich alle weiterhin zum Presbyterium seiner Diözese gehörig – weswegen wir doch weiterhin auf der Personalliste stehen müssten. Daher stellen sich Fragen nach möglichen Aufgaben in der Pastoral. Wir sind durchwegs gut ausgebildete Theologen und erfahrene Seelsorger. Wo und wie kann dieses grosse Potenzial, das von der Diözese bislang nur zögerlich ernstgenommen wurde, besser genutzt werden? Weiter kam die Idee auf, dass jene, die gerne weiterhin in der Pastoral tätig wären, eine Gruppe bilden und gemeinsam mögliche Felder für Seelsorgeaufgaben auskundschaften und diese dem Bischof unterbreiten. Am Schluss der Begegnung war allen klar, dass wir uns in einem Jahr wieder treffen würden. 

BH: Weiter haben wir über die finanzielle Not gesprochen, in die einige von uns gekommen sind. Jene, die über ein Zweitstudium verfügten oder eine Zweitausbildung machen konnten, sind jetzt in diesem Bereich tätig und verdienen da ihren Lebensunterhalt. Für andere ist es schwierig, ausserhalb der Kirche eine geeignete Stelle zu finden. Ich selber war acht Jahre lang arbeitslos, davon habe ich zwei Mal zwei Jahre lang Arbeitslosengeld erhalten, die anderen Jahre war ich auf Sozialhilfe angewiesen.

WE: In meinem Fall bekam ich von einem Kollegen das Angebot für Religionsunterricht an der Oberstufe. Doch der unvermeidliche Wechsel zu verschiedenen Schulhäusern erlaubten nur selten Pensen über 15 Wochenstunden. Das reichte knapp zum Leben. Ich hatte einen Gemeindeleiter für eine Aufgabe in der Pastoral angefragt: Erwachsenenbildung, Altersbetreuung. Da ich keine Antwort erhielt, hakte ich nach. Er habe die Anfrage vergessen. Und so blieb es denn auch. Der Generalvikar setzte sich stark für mich ein und bot mir Stellvertretungen im Sinne von pastoraler Unterstützung im Dekanat an. Leider wurde auch daraus nichts, denn die Bistumsleitung war dagegen. Er übergab mir dann aber den Auftrag der periodisch fälligen Kirchenschatzkontrollen. Das kam zwar meinem historischen Flair entgegen, doch viele Kirchengemeinden haben offensichtlich kein grosses Interesse an ihren Schätzen und deren Erfassung. Um einen sinnvollen Überprüfungsbericht abzugeben, musste ich recht viel Zeit aufwenden, um nachzuweisen, dass in ihrem Schatzbestand wertvolle Objekte, wie sie beispielsweise in den «Kunstdenkmälern der Schweiz» aufgelistet sind, schlicht und einfach fehlen. Und mit einem Obolus von 300 Franken pro Kontrollbesuch (plus Spesen) standen Arbeit und Entlöhnung in keinem Verhältnis. 

Ich merke, eine seelsorgerliche Aufgabe im Bistum zu bekommen ist schwierig. Inwieweit gibt es Unterschiede in den Bistümern im Umgang mit aus dem Amt geschiedenen Priestern?
BH: Das Bistum Basel hat eine offenere und freiere Handhabe im Umgang mit aus dem Amt geschiedenen Priestern als das Bistum Chur. Sie dürfen als Pfarreiseelsorger, früher Pastoralassistenten, arbeiten. Im Bistum Chur durften Einzelne in der Seelsorge bleiben. Das sind Ausnahmen. Einzelne Kollegen wurden reformierte Pfarrer. Sie hatten die Möglichkeit, einen Jahreskurs zu absolvieren und danach ins Pfarramt einzusteigen. Das ging so lange gut, bis die Reformierte Kirche des Kantons Zürich dies stoppte. Für einige reformierte Gläubige waren die ehemaligen katholischen Priester doch zu katholisch. 

Was ist kirchenrechtlich an Seelsorgeaufgaben möglich?
BH: Vom Amt zurückgetretene Priester haben Arbeitsverbot und eine Dispens vom Zölibatsversprechen. Das heisst, sie können heiraten, dürfen aber keine priesterlichen Aufgaben übernehmen und grundsätzlich keine Sakramente spenden, ausser in einem Notfall. Nach der römischen Rota ist es möglich, weiterhin in der Seelsorge tätig zu sein in einer Region, wo der betroffene Priester nicht bekannt ist. 

Für Sie hängt eine Aufgabe in der Seelsorge vom Goodwill einzelner Personen ab: vom Bischof, vom Pfarrer und dem Kirchenrat vor Ort. 
BH: Deshalb wünsche ich mir, dass die Bischöfe mit den betroffenen Priestern einen Weg suchen, wo sie in der Seelsorge oder auch ausserhalb der Kirche eine Stelle bekommen.

WH: Ich sehe auch neue Aufgabenfelder. Es gibt ja viele Katholiken, die zwar gläubig, aber kirchenfern sind. Es sind Menschen, die mit der herkömmlichen Seelsorge und der liturgischen Sprache nur schwer erreichbar sind. Ich selber wurde schon öfters für Beerdigungen für nichtpraktizierende Gläubige angefragt. Da sehe ich eine Chance. Mit unserer jahrelangen beruflichen Erfahrung könnten wir uns als Seelsorger hier wunderbar einsetzen und damit auch eine Brücke zu den nichtpraktizierenden Gläubigen bauen.

Wie geht es nach diesem ersten Treffen mit Bischof Joseph Maria weiter?
BH: Im Januar 2024 wird es ein nächstes Treffen mit Bischof Joseph Maria geben.1 Da werden auch unsere Partnerinnen dabei sein. Was in Zukunft aus diesen Treffen entsteht, das ist noch offen. Wichtig ist uns, dass wir aus dem Amt ausgetretenen Priester auch unter dem Jahr Kontakt pflegen, gemeinsam reden und Gemeinschaft aufbauen. Unser Schicksal verbindet uns. Mir ist wichtig zu betonen, dass ich Bischof Joseph Maria bei dieser ersten Begegnung im Januar als spürbar interessiert erlebt habe. Er hat unsere Situation mit Wohlwollen aufgegriffen. Ein Teilnehmer sagte am Schluss, er habe zum ersten Mal in der Kirche gespürt, dass ein Bischof ihn ernst nehme. Wir haben gespürt, Bischof Joseph Maria geht es um Beziehung. Er will Beziehungen fördern. An dieser ersten Begegnung erlebten wir ein gutes und dichtes Miteinander. Das soll so weitergehen. 

Interview: Maria Hässig

 

1 Das nächste Treffen mit Bischof Joseph Maria Bonnemain wird am 29. Januar 2024 stattfinden. Mehr Informationen zu diesem Treffen erteilt Beat Huwiler über E-Maili: