Der Glaube befreit von Zwängen

Das Identitätsbildende Lernen mit der Bibel (IBL) verbindet bestehende Ansätze, um Kindern und Jugendlichen die Auseinandersetzung mit der eigenen Identität zu ermöglichen.

Wer bin ich? ist eine Frage, die die Menschen durch ihr Leben begleitet. (Bild: Nugroho Wahyu)

 

Im «Leitbild Katechese im Kulturwandel» ist der Leitsatz 4 mit dem Titel «Christliche Glaubensidentität und Dialogfähigkeit» überschrieben. Darin heisst es: «Katechese fördert die Entwicklung der eigenen christlichen Glaubensidentität. Für katholische Christinnen und Christen stärkt sie die Fähigkeit, mit Menschen anderer Konfession, Spiritualität, Weltanschauung oder religiöser Ausrichtung in Dialog zu treten. In diesem Dialog vertieft sich die eigene Identität.»

Die selbstverständliche Art und Weise, mit der hier von Identität gesprochen wird, steht in einer gewissen Spannung zu der Vorsicht, mit der die religionspädagogische Forschung der letzten Jahrzehnte den Begriff Identität verwendet. Diese Spannung hat drei Ursachen: Erstens liegt sie in der unübersichtlichen humanwissenschaftlichen Diskussion um den Identitätsbegriff begründet. Zweitens erschwert die ambivalente Beziehung zwischen Religion und Identität klare Positionen. Und drittens ist es nicht ganz leicht, daraus didaktische Konsequenzen für das identitätsbildende Lernen mit der Bibel in Religionsunterricht und Katechese zu ziehen. Und trotzdem: Die Bibel kann Identität bilden, indem sie dabei hilft, Übergänge im Leben zu gestalten. Und das ist sowohl für Kinder, Jugendliche und Erwachsene wie auch für alle Akteurinnen und Akteure in Religionspädagogik und Katechese ein höchst spannendes Projekt.

Zum Begriff der Identität

«Wer bin ich, und wenn ja, wie viele?» fragt der bekannte Populärphilosoph Richard David Precht auf dem Cover seines Buches, das jahrelang das meistverkaufte deutschsprachige Sachbuch war.1 Offenbar trifft diese Frage einen Nerv der Gegenwart. In wissenschaftlichen Diskussionen ist das Thema Identität ein Dauerbrenner, um den spätestens seit Beginn der neuzeitlichen Philosophiegeschichte gerungen wird. Dabei stellt sich die klassische Identitätsfrage heute auf zugespitzte Weise: Wer bin ich in einer Welt der Postmoderne, deren Grundriss sich unter den Bedingungen der Individualisierung, Pluralisierung und Globalisierung schnell und tiefgreifend verändert? Für den Soziologen Heiner Keupp geht es heute gerade für Kinder und Jugendliche um die Möglichkeit, sich eine bewegliche und authentische Identitätskonstruktion zu schaffen, die auch das Risiko des Scheiterns in den Blick nimmt.2 Der Religionspädagoge Bernhard Dressler hat einmal treffend festgestellt, dass nach Identität meist dann gefragt wird, wenn sie zum Problem geworden ist. Solange die Frage, wer ich bin, selbstverständlich vorgegeben ist durch eine Ordnung der Welt, durch die Zugehörigkeit zu einem Milieu, zu einer Tradition oder zu einer Gemeinschaft, solange stellt sich die Frage nach Identität nicht.3 Sie stellt sich, wenn frühere Orientierungen fragwürdig geworden sind, wenn ich mit mir selbst und der Welt, in der ich lebe, nicht mehr übereinstimme. Dann beginnt die Suche nach Identität.

Religion und Identität

Identität ist ursprünglich keine religiöse Kategorie. Der Begriff kommt weder in der Bibel noch im Inventar der jüdisch-christlichen Theologie vor. Da die anthropologische Grundfrage «Wer bin ich?» jedoch zu jenen Schlüsselfragen menschlichen Lebens gehört, die immer wieder den Bereich des Religiösen berühren, liegt die religiöse Dimension des Identitätsthemas auf der Hand: Theologisch gesprochen geschieht Identitätsbildung durch die Beziehung zu Gott. Theologie reflektiert insofern nicht nur über Identität, sondern denkt über den Ermöglichungsgrund von Identitätsbildung nach. Schon an den ältesten Schöpfungsmythen der Religionsgeschichte zeigt sich, dass sie mit ihren Diesseits- und Jenseitsvorstellungen im Grunde auf die zentralen Identitätsfragen des Menschen zu antworten versuchen. Die Anthropologie bildet dabei das Bindeglied zwischen humanwissenschaftlichen und theologischen Fragestellungen, denn theologisch gesprochen steht die Selbstfindung des Subjekts in engem Zusammenhang mit der Selbstmitteilung Gottes an den Menschen (Karl Rahner).4

Die Bibel als marginalisierter Klassiker

Auch wenn das Lernen mit der Bibel zum Kerngeschäft in Religionsunterricht und Katechese gehört, steht ihm der dreifache Verlust von historischer Plausibilität, gesellschaftlicher Relevanz und individueller Bedeutung gegenüber. In der Wahrnehmung vieler Kinder und Jugendlicher ist die Bibel ein Zeitdokument der Vergangenheit, das den Nerv heutiger Lebenssituationen nicht mehr trifft und deshalb nicht mehr als Brücke taugt, über die der Glaube zu den Menschen kommt.

Die Bibel teilt das Schicksal anderer Werke in der Literaturgeschichte, die scheinbar nicht mehr in unsere Zeit hineinsprechen. Während jedoch Werke wie Goethes Faust oder Schillers Wilhelm Tell den Ehrentitel «Klassiker» erhalten, wenn sie aus dem kollektiven Bewusstsein verschwinden, wird die Bibel seit fast 2000 Jahren gelesen und ist offensichtlich mehr als ein «Klassiker»: Sie ist ein Basisdokument unserer Kultur, das jedoch im Jahr 2013 nach langer Vorherrschaft den Titel «meistgedrucktes Buch der Welt» an den IKEA-Katalog abgeben musste. Den ersten Platz als «meistverkauftes Buch der Welt» hat die Bibel aber immerhin behalten. Doch wie kann es gelingen, dass biblische Texte Kindern und Jugendlichen dabei helfen, Übergänge in ihrem Leben zu gestalten?

Identitätsbildendes Lernen mit der Bibel

Identitätsbildendes Lernen (IBL) ist kein neues, sondern ein integratives Konzept, das fünf bereits bestehende Ansätze miteinander verbindet:

  • IBL ist anamnetisches Lernen, das die Bibel als Buch der Erinnerung mit den individuellen Erinnerungen der Lesenden verbindet;
  • IBL ist dialogisches Lernen, das die kommunikative Grundstruktur der Bibel ernst nimmt und eine dialogische Begegnung zwischen Lesenden und Text inszeniert;
  • IBL ist biografisches Lernen, das die Biografien biblischer Erzählfiguren zur Hilfe nimmt, um Kinder und Jugendliche in ihrer Subjektwerdung zu unterstützen;
  • IBL ist elementares Lernen, das die befreiende Botschaft des Glaubens in den elementaren Strukturen, Wahrheiten, Erfahrungen, Zugängen und Lernformen der Bibel freilegt, um gelungene Korrelationen zwischen Glauben und Leben zu ermöglichen;
  • IBL ist ästhetisches Lernen, das Religionsunterricht und Katechese nicht nur als kognitiven Prozess versteht, sondern als religiöse Wahrnehmungs- und Ausdrucksschule.

In der Zusammenschau dieser Dimensionen können Kinder und Jugendliche beim Lernen an und mit biblischen Texten eine ermutigende Erfahrung machen: Mithilfe des christlichen Glaubens sind sie vom Druck zur Identifizierung, vom Druck zu Entscheidungen und vom Zwang zu Festlegungen befreit. Vielmehr wird sie ein christlicher Glaube, der frei macht, zum Experimentieren mit ihrer Identität ermutigen. Dieser Prozess bleibt offen und steht auch nicht in der Verfügung noch so angestrengter und bemühter religionspädagogischer Akteurinnen und Akteure. Wenn aber Kinder, Jugendliche und Erwachsene das Angebot annehmen, sich im Spiegel biblischer Texte «selbst zu erzählen», kann sich eine narrative Identität religiöser Prägung entwickeln.5 Oder um es mit den Worten von Henning Luther zu sagen: «Wir müssen uns nicht gefunden haben, um zu leben, sondern wir leben, um uns zu finden.»

Christian Cebulj

 

1 Precht, Richard David, Wer bin ich – und wenn, ja wie viele? Eine philosophische Reise, München 2012.

2 Vgl. Keupp, Heiner, Vom Ringen um Identität in der spätmodernen Gesellschaft, in: Cebulj, Christian / Flury, Johannes (Hg.), Heimat auf Zeit. Identität als Grundfrage ethisch-religiöser Bildung, Zürich 2012, 13–40.

3 Vgl. Dressler, Bernhard, Wie bilden sich heute religiöse Identitäten?, in: Pastoraltheologie 87/6 (1998), 236.

4 Vgl. Cebulj, Christian, Zwischen Identität, Empathie und Kompetenz. Zu einigen aktuellen Trends in der Bibeldidaktik, RelliS. 4/2015, 16–19.

5 Vgl. Rudolf Englert, Komposition des Differenten. Inwieweit ist so etwas wie eine ‹religiöse Identität› noch möglich?, in: Schlag, Thomas / Simojoki, Henrik (Hg.), Mensch – Religion – Bildung. Religionspädagogik in anthropologischen Spannungsfeldern, Gütersloh 2014, 128–139.

Die SKZ veröffentlicht in loser Folge Beiträge zu den Kompetenzbereichen des «Leitbild Katechese im Kulturwandel». Weitere Informationen zum Leitbild finden sich unter www.reli.ch


Christian Cebulj

Prof. Dr. theol. Christian Cebulj (Jg. 1964) ist Professor für Religionspädagogik und Katechetik sowie Rektor der Theologischen Hochschule Chur.