Das Böse und die Feier der Taufe

Viele Eltern, auch solche, die der Kirche fernstehen, lassen ihr Kind taufen. Sie wünschen für sich und ihr neugeborenes Kind den Segen Gottes, sie möchten sich von Gottes Allmacht beschützt wissen.

Die Taufe wird oft als lebensbejahendes Schutzritual empfunden. (Bild: Pixabay)

 

Wenn junge Eltern nach der Taufe fragen, dann wollen sie nicht selten zunächst das Wunder des neugeborenen Lebens feiern. Sie möchten mit ihrer Familie und ihren Freunden eine Art Geburtsritus begehen, mit dem sie das Kind in der Familie willkommen heissen und ihre eigene Lebenssituation deuten.

Zwischen Geburtsritus und Schutzritual

Die Ergebnisse der religionssoziologischen Untersuchungen im deutschen Sprachgebiet bestätigen, dass es der lebensgeschichtliche Erfahrungshorizont mit seinen Umbrüchen und Übergängen ist, der Menschen in der gegenwärtigen Gesellschaft den Anlass gibt, das Ritualangebot der Kirchen in Anspruch zu nehmen. Die Geburt eines Kindes stellt für Eltern oftmals eine Schwellenerfahrung dar, die ihre Identität infrage stellt. Sie erleben die Ankunft eines neuen Familienmitglieds als einen Lebensübergang, der ein Bedürfnis nach Selbstvergewisserung auslöst.

Dies gilt auch in religiöser Hinsicht – wenngleich ihnen die offiziellen kirchlichen Glaubensinhalte, die mit der Feier der Taufe verbunden sind, vielfach fremd geworden sind. So ist ihnen die Feier der Taufe oft so etwas wie ein religiöses Schutzritual. Das Kind soll – bzw. sie selbst sollen – unter den Segen einer höheren Macht gestellt werden. Auf die Frage, warum sie ihr Kind taufen lassen, geben deshalb die meisten Eltern an, dass sie es vom Segen Gottes umfangen wissen wollen. Sie möchten ihr Kind beschützt wissen vor allem Negativen, das ihm begegnen könnte.

Die Tauffeier als Schutz vor dem Bösen

Die Kraft von Ritualen, so hat die Ritualforschung herausgearbeitet, ist abhängig vom Zusammenklingen von performativem Geschehen und der bewussten sowie unbewussten Disposi- tion derer, die an diesem Ritual teilnehmen. Es ist also nicht unwichtig, dass die Liturgie einen Resonanzboden für die Bedürfnisse der Mitfeiernden öffnet. Das Bedürfnis, sich und ihr Kind vor dem Bösen geschützt zu wissen, ist ein legitimes Anliegen der Eltern und gehört zu den Grunddimensionen, die in der Taufliturgie seit Anbeginn der Kirche ihren festen Platz haben. Allerdings wird dieser Schutz nicht nur durch die Kirche auf den Täufling im «Gebet um Schutz vor dem Bösen» herabgerufen, sondern Eltern und Paten des Täuflings sagen sich bewusst vom Bösen los und bekennen ihren Glauben an den dreieinen Gott, der Mensch wurde zur Erlösung der Welt («Absage an das Böse und Glaubensbekenntnis»). Die Abkehr vom Bösen und die Hinwendung zum Guten ist eine Dimension des Taufgeschehens, welche die ganze Taufliturgie durchzieht.

Die Dramaturgie der Taufliturgie verdeutlicht dies: Die Taufgemeinde versammelt sich an der Kirchentüre – so sieht es zumindest das Rituale- faszikel vor. Das erste Zeichen der Taufliturgie ist die Bezeichnung des Täuflings mit dem Kreuzzeichen. Dies ist ein apotropäisches (Unheil abwehrendes) Zeichen, das zugleich Schutzzeichen (der so Versiegelte wird gerettet) und Eigentumsmarke (der Versiegelte gehört Gott als seinem Herrn an) ist. Am Beginn des Taufgottesdienstes steht also schon ein Zeichen, das alles Unheil von dem Kind fernhalten soll. Die Gemeinde zieht mit dem so Bezeichneten zum Ort des Wortgottesdienstes. Dort hören sie die Gute Botschaft von dem Gott, der Mensch wurde und für die Sünden der Welt am Kreuz starb, um zu neuem Leben auferweckt zu werden. In dieses Heilsgeschehen werden die Feiernden im Hören hineingezogen. Im Licht dieser Botschaft tritt die Gemeinde nun vor Gott und bittet, dass er an diesem Täufling Heil wirken möge, so wie er in der Geschichte immer wieder Heil gewirkt hat. Sozusagen als Ausfluss dieses Fürbittgebetes der versammelten Gemeinde spricht der Vorsteher im Namen der ganzen Kirche ein «Gebet um Schutz vor dem Bösen».

Das Gebet um Schutz vor dem Bösen

Eine der drei Varianten lautet:

«Herr, Jesus Christus,
du hast Kindern die Hände aufgelegt und sie gesegnet.
Schütze diese Kinder und halte von ihnen fern, was schädlich und unmenschlich ist.
Bewahre sie vor Satans Macht, damit sie dir
in Treue folgen.
Lass sie in ihren Familien geborgen sein
und gib ihnen Sicherheit und Schutz auf
den Wegen ihres Lebens,
der du lebst und herrschest in Ewigkeit.»
(Nr. 49 B)

Nicht wenige Eltern werden auf ein solches Gebet mit grossem Zuspruch reagieren. Christus soll an ihrem Kind so handeln, wie das Evangelium Zeugnis gibt: Durch seinen Segen soll das Kind beschützt durchs Leben gehen und alles von ihm ferngehalten werden, was «schädlich und unmenschlich» ist. Nicht näher ausgeführt wird, was damit genau gemeint ist. Im nächsten Atemzug spricht das Gebet dann von «Satans Macht», vor der Christus das Kind bewahren möge. Das personifizierte Böse wird als eine Macht genannt, die das Kind auf seinem weiteren Lebensweg von der Treue zum Glauben abhalten könnte. Davor soll der erbetene Segen schützen. Da es um den Glauben geht, wird das Gebet hier ganz konkret: Es geht nicht um ein undefinierbares Etwas, das einen schädlichen Einfluss auf das Kind ausüben könnte, sondern es ist der Satan, der den Menschen immer wieder von seinem eigentlichen Weg abzubringen versucht.

Die beiden anderen Gebetstexte, die das Taufrituale anbietet, stellen die Situation des Täuflings deutlicher in Bezug zum Heilsgeschehen in Jesus Christus und bitten, dass das Kind, das jetzt getauft wird, «durch die Kraft des Leidens und der Auferstehung» Jesu Christi «von der Erbschuld und der Verstrickung in das Böse» befreit werden möge (Nr. 49 A). In diesem Gebet ist von den «Nachstellungen des Teufels» die Rede und von den «vielfältigen Versuchungen», denen der Täufling ausgesetzt ist. Das dritte Gebet stellt besonders heraus, dass der Täufling in die Bewegung der Erlösung hineingenommen ist.

Diese Gebete werden als «Exorzismus-Gebete» bezeichnet. Das ist eine leicht missverständliche Bezeichnung. Exorzismus im Zusammenhang der Taufliturgie hat nichts mit einer Teufelsaustreibung zu tun. Hier ist eine Sprachform gemeint, mit der der Täufling aus der Machtsphäre des Bösen befreit und in das Reich Gottes versetzt wird. Das Gebet ist ein Machtwort, das im Namen Gottes oder im Namen Christi konkret an das Böse, an den Satan bzw. den Teufel gerichtet wird und bewirkt, dass keine negative Macht an dem Täufling ausgeübt werden kann.

Absage an das Böse

Im weiteren Verlauf der Taufliturgie zieht die Gemeinde zum Taufort. Dort wird zunächst ein grosses Lobpreisgebet über das Wasser gesprochen, zusammen mit der Bitte, dass Gott Heil wirken möge, so wie er es in der Geschichte immer wieder getan hat. Bevor aber der Täufling im Zeichen des Wassers mit dem Heil Gottes identifiziert wird, wenden sich Eltern und Paten bewusst vom Bösen ab und dem Glauben zu. Getauft sein heisst, zu Christus zu gehören und zu niemand sonst, also auch nicht zu den Dämonen oder zu den Kräften dieser Welt. In der Abrenuntiation – das ist der Fachbegriff für die Absage an das Böse – und in den Fragen nach dem Glauben wird deutlich, dass zur Taufe Umkehr und Glaube aufseiten des Menschen gehören. Dies sind sozusagen die mit dem göttlichen Handeln korrespondierenden Haltungen des Menschen im Taufgeschehen.

Bemerkenswert ist, dass in allen Formen der Abrenuntiation vom Satan, dem personifizierten Bösen, die Rede ist. Wo es in diesem Moment der Taufliturgie explizit um ein Bekenntnis zu dem dreieinen Gott geht, bedarf es einer ebenso expliziten Absage an das «ernstlich Gegengöttliche» (Hans Urs von Balthasar). Mit diesem personalen Denkmodell wird deutlich, dass das Böse nicht einfach nur eine anthropologische Grösse, sondern eine drohende Realität ist, die mächtiger ist als die Einzelentscheidung des Menschen für das Böse.

Birgit Jeggle-Merz


Birgit Jeggle-Merz

Prof. Dr. theol. Birgit Jeggle-Merz (Jg. 1960) ist Professorin für Liturgiewissenschaft an der Theologischen Hochschule Chur sowie an der Universität Luzern und stellvertretende Leiterin des Pastoralinstituts an der Theologischen Hochschule Chur.