Das Böse im Film

Früher wollte niemand den Schurken in einem Film spielen, doch das hat sich geändert. Bösewichte sind salonfähig geworden. Das liegt zum Teil daran, dass es den Guten respektive den Bösen oft gar nicht mehr gibt.

«Was sehen Sie, wenn Sie an das Böse im Film denken?» Mit dieser Frage liessen sich bei nicht völlig unbedarften Filmbetrachtern sicher relativ schnell einige sehr bekannte Filmbilder bzw. Filmfiguren ins Gedächtnis rufen: Darth Vader, Saurons flammendes Auge, Lord Voldemort, das Alien, der Joker aus Batman oder der Clown Pennywise aus «Es». Allen genannten Figuren ist gemeinsam, dass sie eindeutig als etwas Böses erkannt werden können.

Wenn das Böse nicht nur böse ist

Bei genauerem Hinsehen wird diese Eindeutigkeit aber auch wieder brüchig, denn Darth Vader, der Bösewicht aus der alten «Star Wars»-Trilogie (Episoden IV bis VI, USA 1977, 1979 und 1982), wird von Film zu Film ambivalenter gezeichnet, und er kann sich schliesslich zur letzten, guten Tat durchringen, indem er seinem leiblichen Sohn Luke Skywalker das Leben rettet.

Im Falle von Lord Voldemort, dem Bösewicht aus den «Harry Potter»-Geschichten (GB/USA 2000–2011), verhält es sich ähnlich: Auch Lord Voldemort hat eine Geschichte. Als Waisenkind Tom Riddle hat er dem Hang zum Bösen immer mehr nachgegeben, bevor er sozusagen durch und durch böse wurde. Sein Mangel an Empathie und Liebesverständnis wird schliesslich auch seinen Untergang besiegeln.

Und wie steht es mit Wesen wie Pennywise aus dem Film «Es» (USA 2017, Regie: Andrés Muschietti) oder dem Alien aus der gleichnamigen Science-Fiction-Saga? Sind sie nicht eigentlich nur Projektionsflächen menschlicher Ängste und Hybris?

Der Joker aus den Batman-Geschichten ist eine Beispielfigur für die zahlreichen Comicverfilmungen: In der letzten Filmversion von Christopher Nolan («The Dark Knight», USA 2008) bietet eben jener Joker selbst mehrere erzählte Varianten an, warum er wurde, was er ist. Der entscheidende Punkt bleibt bei allem Rätselraten, dass rational nicht zu entscheiden ist, warum der Joker Böses tut. Er tut es einfach. Seinem Namen zufolge handelt der Joker böse, weil es ihm Spass macht. Aber auch das ist nur eine der möglichen Erklärungen.

Mehrdeutigkeit als Herausforderung

Leicht fällt die Beschreibung des Bösen immer dann, wenn eine gewisse Eindeutigkeit vorliegt, d. h. wenn das Schema aus Gut und Böse sowohl auf der formalen Ebene (Böse sind auf der Bild- und Tonebene als düstere, unfreundliche, bisweilen grausame Gestalten gekennzeichnet) als auch der Gegensatz aus Gut und Böse auf der inhaltlichen Ebene klar und übersichtlich angelegt ist (Bösewichter legen es permanent darauf an, anderen Schaden zuzufügen, sie zu quälen und schliesslich das Gute / die Guten vollständig zu vernichten; daher müssen sie am Ende selbst vernichtet werden). Gerade diese inhaltliche Eindeutigkeit nimmt Bezug auf die herkömmliche sprachliche Definition von böse: Als schlecht gilt der oder das dem Menschen Schadende. Als böse wiederum gilt derjenige, den die Absicht leitet, zu schaden. Der dann vorliegende Schaden wäre ein Übel.

Schwierig ist es mit dem Phänomen des Bösen umzugehen, wenn diese Eindeutigkeit weder formal vorhanden noch auf inhaltlicher Ebene das Handeln bzw. die Absicht der Personen klar einzuordnen ist. So muss sich der aufmerksame Betrachter des Spätwestern «Erbarmungslos» (USA 1992) fragen, ob die zentrale Figur William Munny (dargestellt vom Regisseur Clint Eastwood), der als Mörder von Frauen und Kindern eingeführt wird und der im Laufe des Films noch weitere Personen erschiesst, am Ende der gute Held ist. Waren nicht irgendwie alle böse in diesem Film, in dem die gewohnten Rollenzuschreibungen (Killer = böse, Sheriff = gut) nicht mehr greifen?

Die immer neue gleiche Geschichte

Mythische Stoffe und Konstellationen haben bis in die Gegenwart Vorbildcharakter für die formale Gestaltung von Filmerzählungen. Die sogenannte «Heldenreise» bestimmt auch heute noch die meisten populären Grossproduktionen in Hollywood in ihrem Handlungsverlauf: gewohnte Welt – Aufbruch – Gefährten – Abenteuer und Kämpfe – finaler Kampf – Auferstehung und Rückkehr. Mehrere der oben kurz vorgestellten Beispiele funktionieren exakt nach diesem Muster (z. B. «Star Wars», «Harry Potter», «Es» oder «Batman»).

Wenn dieses Erzählmuster in sehr expliziter Form Anwendung findet, dann ist der Böse klar identifizierbar und als Gegenpart zum Helden gezeichnet. Vielfach geht aber ein Riss durch die Charaktere, d. h., böse Absichten oder Taten offenbaren sich erst nach einiger Zeit. (Film-)Erzählungen versuchen zu verdichten, zuzuspitzen, metaphorisch und symbolisch darzustellen und dadurch Gegensätze und den Widerstreit konträrer Haltungen deutlich zu machen bzw. spannungsvoll darzubieten.

Dr. Jekyll und Mr. Hyde

Ein sehr berühmtes literarisches Beispiel für einen Riss zwischen Gut und Böse durch einen Charakter hindurch ist der schon vielfach verfilmte «Seltsame Fall des Dr. Jekyll und Mr. Hyde» nach der Erzählung von Robert Louis Stevenson. Dr. Jekyll experimentiert mit einer Substanz, die das Gute und Böse im Inneren einer Person trennen und befreien soll. Durch einen Selbstversuch verwandelt Jekyll sich in den animalisch aussehenden und handelnden Mr. Hyde, der ohne jeden Skrupel andere Menschen quält und benutzt. Die bisher als beste Verfilmung geltende Version des Jekyll-und-Hyde-Stoffes von 1931 (Regie: Rouben Mamoulian, Hauptrolle: Fredric March) setzt den Akzent auf die Frage nach dem zivilisatorischen Deckmantel des Guten über dem Bösen. Unterstützt wird dieser inhaltliche Ansatz formal durch eine subjektive Kamera, die den Zuschauer in die Erlebniswelt eines Mr. Hyde eintauchen und sie mitvollziehen lässt. Eine eindeutige (moralische) Wertung gibt der Film nicht, sondern er fragt, inwieweit das sogenannte Böse unter einer dünnen zivilisatorischen Schicht verborgen darauf wartet, ungehemmt ausgelebt zu werden.

Das Böse – zutiefst menschlich

Erinnert sei an dieser Stelle an die Lehre des Kirchenvaters Augustinus, der dem Bösen kein eigenes Sein zuspricht, sondern das Böse dem Nichts zuordnet. Der Schlüssel, damit das Böse Gestalt gewinnt, ist die Freiheit bzw. der menschliche Wille. Der Wille, der sich vom Guten abwendet und absichtlich das Schädliche verfolgt, ist eigentlich böse. Thomas von Aquin wird die augustinischen Aussagen noch weiter zuspitzen: Das Böse existiert nicht aus sich heraus, sondern ist im Vollzug des Willens der Mangel an Gutem.

Der Film als Reflexionsmedium gegenwärtiger Kultur setzt auch heute genau an dieser Stelle an: Das Böse wird als Phänomen inszeniert, das jeden Menschen betrifft und Teil der komplexen Struktur von Persönlichkeiten und Identitäten ist. Dabei wird im Blockbuster-Kino gerne mit eindeutigen Gegensätzen und Ausdrucksformen gearbeitet, während sich viele Arthaus-Filmproduktionen differenziert mit gesellschaftlichen Fragen und Stimmungen auseinandersetzen.

Wenn das Gute böse wird

«Vater unser im Himmel …» – mit diesem Gebet, vollständig gesprochen aus dem Off, beginnt der amerikanische Thriller «Prisoners» (USA 2013, Regie: Denis Villeneuve). Der Film wird später von Entführung, Folter, Mord und der Bedrohung, der das menschliche Leben ausgesetzt ist, erzählen. Gleichzeitig werden die Grenzen zwischen Schuld und Unschuld, Gut und Böse immer weiter verwischt werden. Wer ist Täter, wer ist Opfer? Darf man Böses mit Bösem vergelten? Wenn dann im letzten Drittel des Films die Hauptfigur, selbst Vater eines entführten Mädchens und zugleich Entführer eines dieser Tat verdächtigten jungen Mannes, erneut das Vaterunser spricht, wird er die Stelle «wie auch wir vergeben unseren Schuldigern» nicht mehr über die Lippen bringen. Vergebung scheint in unerreichbare Ferne gerückt. Zuletzt bleibt auch hier die Frage: Wer ist gut und wer ist böse? Zwar lassen sich einzelne Taten isoliert als böse identifizieren (z. B. die Entführung der Kinder, die Folter des vermeintlichen Entführers), aber im Zusammenhang betrachtet verliert sich diese Eindeutigkeit.

Eine Phänomenologie des Bösen im Film, wie sie kurz zu Anfang vorgestellt wurde, könnte noch unendlich weitergeführt werden. Entscheidender ist jedoch das, was zwischen den Zeilen geschieht bzw. wie die Filmerzählung den Konflikt aus Gut und Böse inszeniert. Selbst in oberflächlich freundlichen Komödien scheint gelegentlich durch, dass jemand Schaden nimmt, dass etwas im Argen liegt. Gut und Böse gehören als Gegensätze zu jeder Geschichte, einmal stark im Vordergrund, ein anderes Mal eher subtil und unmerklich inszeniert. Gut und Böse sind Konstanten des Geheimnisses Mensch. Genau davon erzählen Filme.


Martin Ostermann


Martin Ostermann

Dr. Martin Ostermann studierte Theologie, Philosophie und Germanistik in Bochum und promovierte mit der Arbeit «Gotteserzählungen – Gottessuche in Literatur und Film» in Fundamentaltheologie. Er ist seit September 2014 als Studienleiter bei Theologie im Fernkurs. Als Mitglied der Katholischen Filmkommission für Deutschland, Prüfer bei der Freiwilligen Selbstkontrolle Fernsehen (FSF) und als Lehrbeauftragter der katholischen Universität Eichstätt bzw. an der Universität Erfurt engagiert er sich im Rahmen der Medienpädagogik mit dem Schwerpunkt der Spielfilmarbeit, vor allem in theologischer Perspektive.

 

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