Christen in der Türkei zwischen Hoffnung und Verzweiflung

In Istanbul genehmigte Präsident Tayyip Erdogan den ersten aramäischen Kirchenneubau seit 1923, gleichzeitig brennen im Tur Abdin, dem Hauptsiedlungsgebiet syrischer Christen im Südosten der Türkei, viele christliche Grundstücke wegen Brandstiftung.

In Istanbul wurde Anfang August von Präsident Erdogan persönlich der Grundstein zum ersten Neubau eines syrisch-orthodoxen Gotteshauses seit Ausrufung der türkischen laizistischen Republik 1923 gelegt. Der syrisch-orthodoxe Bischof Yusuf Cetin von Konstantinopel sprach deswegen auch von einem historischen Tag. Der Bau soll im Stadtteil Bakirkoy, im europäischen Teil der Stadt, entstehen, wo es bisher überhaupt keine Kirche gab. In Bakirkoy hatten sich besonders viele syrische Flüchtlinge niedergelassen. Von den etwa 3,6 Mio. syrischen Flüchtlingen in der Türkei leben mehr als eine halbe Million in Istanbul. 17'000 davon sind syrisch-orthodoxe Christen. Das Grundstück, auf dem die Kirche gebaut werden soll, wurde den Christen nicht geschenkt, wie man bei der Anwesenheit von Präsident Erdogan hätte erwarten können, es gehörte auch nicht der syrisch-orthodoxen Kirche, sondern der katholischen Kirche. Deshalb ging der Grundsteinlegung ein Rechtstreit der beiden Kirchen voraus, der dann vermittelt über den ökumenischen Patriarchen Bartholomäus I. und Papst Franziskus gütlich geregelt wurde.

Die Türkei ist seit Ausrufung der Republik 1923 durch den Atheisten Kemal Atatürk ein säkularer Staat, in dem jeder Bürger das Recht hat, seine Religion frei auszuüben. Andererseits haben nach dem Friedensvertrag von Lausanne nur Juden und orthodoxe, katholische und armenische Christen einen offiziellen gesicherten Rechtstatus. Die Christen, die 1914 noch fast 30 Prozent der osmanischen Bevölkerung ausmachten, stellen heute, trotz Religionsfreiheit seit 1923, nur noch 0,1 Prozent der türkischen Bevölkerung, wenn man die Hundertausende von Kryptochristen ausnimmt. Unter den laizistischen Regierungen unter Atatürk und seinen kemalistischen Nachfolgern wurden die Rechte der Christen immer mehr beschnitten und die letzten Hunderttausende griechischen Christen in den 1960ziger Jahren vertrieben. 1971 wurde die einzige Ausbildungsstätte für griechisch-orthodoxe Priester des Ökumenischen Patriarchats auf der Insel Chalki von einer säkularen Regierung geschlossen, bis heute wurde sie trotz internationalen Drucks nicht wiedereröffnet. Es waren die islamistischen AKP-Regierungen unter Erdogan seit 2002, die die Minderheitenrechte der Religionsgemeinschaften wieder stärkte und christliche Abgeordnete wieder ins türkische Parlament brachte. Jüdische und christliche Gemeinden erhielten in den vergangenen Jahren Teile ihrer konfiszierten Immobilien im Wert von rund zwei Milliarden Euro zurück, die unter den säkularen Vorgängerregierungen beschlagnahmt worden waren. Dennoch verstärkten sich unter den islamistischen Ausfällen von Präsident Erdogan, der die einheimischen Christen für die Politik des Westens mitverantwortlich machte, auch die verbalen Angriffe und Drohungen gegen die letzten einheimischen Christen. Allerdings braucht Präsident Erdogan nach der Wahlniederlage bei der neu anberaumten Bürgermeister Wahl in Istanbul und dem Konflikt mit den USA um die Stationierung von russischen Raketen und mit der EU um die Schürfrechte vor Zypern wieder aussenpolitische Erfolge, um seine Wähler bei Laune zu halten. Da könnte der Bau einer christlichen Kirche ein erstes Zeichen der Öffnung sein.

Brände unbekannten Ausmasses auf christlichen Grundstücken

Nachdem Erdogan jahrelang erfolglos versucht hatte, das grösste Kloster in der Türkei, Mor Gabriel, im Tur Abdin im Südosten des Landes gerichtlich zu enteignen, scheinen Brandstifter ihm jetzt die Arbeit abzunehmen. Seit Tagen brennt es in der Türkei in den Gebieten um die beiden Klöster Mor Gabriel bei Midyat und Deir Ul Zafaran bei Mardin, in denen die letzten Christen der Türkei relativ kompakt leben. Die Feuerwehr löscht absichtlich nicht, obwohl grosse Ländereien und Häuser bedroht sind. Bei den bedrohten Häusern handelt es sich vor allem um Häuser von aus Zentraleuropa zurückgekehrten aramäischen Christen, die nach jahrelangen Besitzstreitigkeiten die Besitztitel ihrer eigenen Häuser zurückbekamen und dort moderne Häuser gebaut haben. Diese Gebiete liegen südlich von Midyat Richtung syrischer Grenze bis Nusaybin, dem einstigen Nissibis, im Südosten der Türkei. Das Gebiet heisst Tur Abdin, was so viel bedeutet wie «Berg des Knechte Gottes». Das hier liegende Kloster Mor Gabriel, wo auch ein Bischofssitz sich befindet, ist neben den koptischen Klöstern Ägyptens eines der ältesten Klöster der Christenheit, es stammt aus dem vierten Jahrhundert und wurde durchgehend fast 1700 Jahre von syrischen Mönchen bewohnt.   

Nach Angaben der Behörden sind mittlerweile mindestens 200 Hektar Land verbrannt. Auch ein christlicher Friedhof stand in Flammen. Für die Menschen in der Region steht damit nicht nur die Ernte auf dem Spiel, sondern sie sehen auch ihre Kirchen, Klöster und Häuser, die oft in unmittelbarer Nachbarschaft zum Bürgerkriegsland Syrien liegen, bedroht. Die Flammen kommen immer näher an die vorwiegend von Christen bewohnten Dörfer heran. Immer mehr Menschen gehen davon aus, dass die Feuer absichtlich gelegt wurden. Im Sommer besuchen vor allem viele aramäische Heimwehtouristen aus Zentraleuropa ihre ehemaligen Heimatorte im «Gebirge der Gottesknechte». Viele Analysten verstehen die Brände als Angriff auf diese rückkehrwilligen Christen. Sie vermuten eine Taktik dahinter, damit bloss nicht mehr Christen in die vor einigen Jahren bereits fast komplett von Christen entleerte Region zurückkehren. Ohne das alte biblische Rückzugsgebiet im Tur Abdin haben auch die Christen in Istanbul keine Zukunft, dann ist auch der Kirchneubau dort, sollte er je fertig werden, nur Augenwischerei.

Bodo Bost


Bodo Bost

Bodo Bost studierte Theologie in Strassburg und Islamkunde in Saarbrücken. Seit 1999 ist er Pastoralreferent im Erzbistum Luxemburg und seit 2013 wissenschaftlicher Mitarbeiter im Fachbereich Public Responsibility an der kircheneigenen Hochschule «Luxembourg School of Religion & Society».