Anfang und Ende

7. Sonntag im Osterkreis: Offb 22,12–14.16–17.20

Der von der Perikopenordnung vorgesehene Text bildet den Abschluss der Offenbarung des Johannes. Wie die Eröffnung der Offenbarung mit einer Liturgie beginnt, ist das Ende der Offenbarung ebenfalls Bestandteil einer Liturgie. Sprechende sind Jesus, der Geist und die Braut (Gemeinde und Zion) sowie der Seher Johannes. Diese Liturgie findet in der Jetztzeit statt, ihre Eschatologie ist eine präsentische. Dies wird einerseits klar aus der Seligpreisung all jener, die «ihre Kleider waschen» (V. 14). Die weissen Kleider stehen für das Martyrium, wie aus Offb 7,13 f. hervorgeht. Dort heisst es, dass die mit weissen Gewändern Bekleideten ihre Gewänder gewaschen haben mit dem Blut des Lammes. «Waschen» wird in der Vergangenheitsform gebraucht, während Offb 22,14 es präsentisch verwendet. Das heisst, dass es um Menschen geht, die in der Bedrängnis aushalten und durchhalten sollten, um Anteil zu haben am Baum des Lebens. Ihr Ruf nach dem Kommen Jesu ist daher nicht ein Ruf, dass sich das Kommen am Ende der Zeiten ereignen möge, sondern dass sich die siegreiche Gegenwart Jesu in dieser Bedrängnis mitten im Heute erweisen möge. Dass es sich um die Jetztzeit handelt, geht ferner aus V. 15 (der nicht gelesen wird) hervor: Hier wird von jenen gesprochen, die draussen bleiben. Es sind die Hunde, Zauberer, Götzendiener, Mörder und wer die Lüge liebt. Würde es sich um endzeitliche Eschatologie handeln, dann gäbe es «diese draussen» nicht mehr (vgl. Offb 21,8). Angesprochen sind damit diejenigen, welche die Staatsmacht als göttliche verehren oder doch eine pragmatisch motivierte Unterwerfung unter sie verlangen (Nikolaiten und Bileamiten). Ferner sagt Jesus, dass er Anfang und Ende ist (V. 13; vgl. Offb 1,8), also der Herr der Geschichte. Weil er das ist, ist der alles entscheidende Moment die Gegenwart. Jetzt ist der kairos, die richtige Zeit, in der man die Chance packen muss, um vom Wasser des Lebens trinken zu können und um die Kleider zu waschen wie auch den Lohn zu erhalten, den Jesus bei seinem Kommen mit sich bringt. V. 16 (Ich habe euch meinen Engel geschickt als Zeuge für das, was die Gemeinden betrifft) betont, dass der Inhalt der ganzen Offenbarung für die Gemeinden bestimmt ist. Damit wird der Faden des Prologs noch einmal aufgenommen (Offb 1,1–8) und abschliessend verstetigt. Jesus bezeichnet sich hier selbst als «Wurzel und Stamm Davids» wie auch als «Morgenstern». Damit klingen messianische Töne an. Jes 11,1 spricht vom Baumstumpf Isais, aus dem ein Reis hervorgehen wird. Jesus versteht sich (ich bin) hier nicht nur als «Reis», sondern als Wurzel des Gottesvolkes Israel. Auch die Bezeichnung Morgenstern, lateinisch Luzifer – man beachte, Jesus ist hier Luzifer und nicht, wie man sich von der Tradition her gewohnt, der Satan – ist messianisch gefärbt wie Num 24,14 zeigt (Ich sehe ihn, doch nicht jetzt, schaue ihn, doch nicht nahe. Ein Stern tritt hervor aus Jakob, und ein Zepter erhebt sich aus Israel …). Es ist die leuchtende Venus, die den Morgen ankündigt (vgl. 2 Petr 1,19). Der Morgen ist noch nicht da, er kündigt sich an. Daher der Wunsch nach dem Kommen. Im gesamten Epilog (Offb 22,6–24) ist die Verheissung des Kommens Jesu («Siehe, ich komme bald» V. 7; 12; 20) und die Bitte der Gemeinde um sein Kommen (V. 17 gleich zweimal, 20) Thema. Jesus, der Messias, er, «der ist, der war und der kommt» (Offb 1,4.8) kommt bald. Die Bitte um das Kommen zeigt, wie bedrängend die Gegenwart ist. In dieser Gegenwart soll sich Gott jenen zeigen, die um des Wortes Gottes und des Zeugnisses willen in Bedrängnis leben. Sie vermögen in dieser Gegenwart Gott nicht zu erkennen. Gott entbirgt sich, um dem Widerstand gegen Idolatrie und Götzendienst Kraft zu verleihen. Das ist alles andere als eine Vertröstung. Diese Offenbarung, diese Entbergung motiviert zu einer aktiven Handlung.

Das Nichts, das reale Opfer fordert

Klarer wird der Gedanke, wenn er mit der negativen Gottesformel zusammen gesehen wird. Diese Formel lautet: «Es war einmal und ist jetzt nicht, es wird aber aus dem Abgrund heraufsteigen und dann ins Verderben gehen» (Offb 17,8), denn «es war, ist nicht, wird da sein» und bezieht sich auf das Tier. Ihm übergeben die Könige ihre Macht, die sie noch nicht ergriffen haben. Es ist eine Eigenart des Tieres, dass es Gott und die Trinität nachäfft. Johannes erweist sich in der Beschreibung des Tieres als scharf denkender Analytiker. Er stellt nicht einfach die Frage, ob man an Gott glaubt oder nicht, weil bei der Beantwortung der Frage mit einem Ja oder Nein überhaupt nichts entschieden ist. Er stellt vielmehr die Frage nach dem, was dieser Glaube verändert bzw. welche Handlungen er zur Folge hat bzw. welche Auswirkungen der Glaube auf das eigene Tun hat. Das Tier erfüllt die Menschen, deren Namen nicht im Buch des Lebens eingetragen sind, mit Staunen. So eigenartig es tönt: Es ist nicht in der Gegenwart. Es ist ein Nichts. Aber dieses «Nichts» hat reale Auswirkungen. Es entscheidet darüber, wer von seinen Wohltaten profitieren kann, wer dazugehört, wer nicht dazugehört. Das «Nichts» entscheidet über Leben und Tod, und das im wörtlichen Sinne. Johannes weiss, wovon er schreibt. Er gehört zu den Betroffenen und den Ausgeschlossenen. Gott dagegen ist derjenige, der war, der ist und der kommt. Bei ihm allein ist die Fülle des Lebens.

Mit Johannes im Gespräch

Die Offenbarung des Johannes endet mit einer Liturgie, deren zentraler Gegenstand das Bitten um das Kommen Jesu ist wie auch dessen Versicherung, dass er bald kommen wird. Obwohl in jedem Gottesdienst um das Kommen des Reiches Gottes gebetet wird, scheint es doch, dass wir den Ruf «Komm bald» wohl kaum sehr ernst nehmen. Mit Pfingsten ist ja der Heilige Geist gekommen, die Lücke, die Jesus bei seiner Himmelfahrt hinterlassen hat, ist geschlossen. Diese «Glaubensaussage» trifft zwar zu, aber sie ist mit der Offenbarung des Johannes nur dann konform, wenn die Anwesenheit des Geistes die Wunden unserer Zeit offenlegt. Wer sieht, wie viele Opfer der Götzendienst fordert, wer sieht, wie mit reinen Händen gemordet wird, wer zur Kenntnis nimmt, wie es Menschen verunmöglicht wird, ihre Grundbedürfnisse zu befriedigen, der kann sich nicht um die Frage drücken, wie er, wie sie es hält mit dem Leben, auf welcher Seite man steht, für wen man Partei ergreift, wofür man kämpft. Ist es das Nichts, das über Ausschluss und Zugehörigkeit bestimmt, oder ist es jener Gott, der ist, der war und der kommt, der das Leben in Fülle ist? Die Entscheidung darüber ist keineswegs so einfach. Es bedarf der Unterscheidung der Geister, es braucht die Auseinandersetzung, den Streit um die Standpunkte, die Wachsamkeit. Nicht umsonst analysiert der Seher Johannes sehr kritisch den Zustand der verschiedenen Gemeinden, nicht umsonst prangert er Zustände an, die nach seiner Sicht dem Zeugnis des Wortes Gottes widersprechen. Es ist keine Schande, dass es uns gut geht. Aber das soll und darf nicht von der Frage abhalten, wie der Wohlstand zu Stande kommt.

«Wie lange noch?», lautet die Frage der Märtyrerinnen und Märtyrer. Diese Frage wird nicht beantwortet dadurch, dass sie überhört, ignoriert und nicht zur Kenntnis genommen wird. Je mehr man sich auf diese Welt einlässt und sich mit ihr beschäftigt, umso lauter wird sie. Und die Bitte um das Kommen des Reiches Gottes ist alles andere als eine leere Phrase.

 

Hanspeter Ernst

Hanspeter Ernst

Der Theologe und Judaist Hanspeter Ernst ist Geschäftsleiter der Stiftung Zürcher Lehrhaus – Judentum, Christentum, Islam
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