Wislikofen: 40 Jahre Bildung und Begegnung (II)

Propstei Wislikofen

Mit dem Motto «40 Jahre unglaublich befreiend» feiert die Römisch-katholische Landeskirche im Aargau im Jahr 2016 das 40-jährige Bestehen der Propstei Wislikofen als Ort von Bildung und Begegnung und ihrer Fachstelle für Erwachsenenbildung.

Beitrag zu Befreiung und Ermächtigung

«Die Fachstelle Bildung und Propstei der Römisch-katholischen Kirche im Aargau steht Menschen auf der Suche nach dem eigenen Weg zur Seite, unterstützt Pfarreimitglieder, Pfarreien und Kirchgemeinden sowie kirchlich engagierte Gruppierungen und fördert bei diesen Anspruchsgruppen die Entwicklung von Spiritualität und sozialer Verantwortung im Sinn und Geist der befreienden Strömungen der jüdisch-christlichen Tradition.»1

Religiöse Bildung hat sowohl eine kritische wie auch eine konstruktive Aufgabe. Ihre kritische Funktion liegt darin, Formen von Ent-Mächtigung aufzudecken und eine Verabsolutierung endlicher Werte zu hinterfragen. Dazu muss sie Gott als Geheimnis der Welt und befreiende Wirklichkeit des Lebens wachhalten und thematisieren. Das konstruktiv-kritische Anliegen gilt sowohl gegenüber der Gesellschaft als auch gegenüber der Kirche. Innerhalb der Kirche bedeutet Ermächtigung, die Mentalität einer partizipativen Initiativkirche zu stärken und die Gewohnheiten einer saturierten Versorgungskirche zu verlernen. Dass dies nicht einfach in Kursen erlernbar ist, sondern prozesshaften Charakter hat, ist offensichtlich. Seit 22 Jahren wird die klassische Bildungsarbeit in Kursen und Veranstaltungen durch das Angebot von Beratung ergänzt. Dabei wird unter Beratung qualifizierte Begleitung von Leitungsgremien (Seelsorgeteam, Kirchenpflege, Pfarreirat), Gruppen und Einzelnen verstanden. Supervision, Coaching, Teamentwicklung, Leitbildprozesse, Konfliktberatung, Standortbestimmungen, Mediation werden von eigens dazu ausgebildeten Beratenden übernommen. Allen Lernformen gemeinsam sind der Prozesscharakter sowie die Auffassung, dass die Leitung und Verantwortung für die Entwicklung beim Klienten bleiben.

Bildung und Beratung ergänzen sich auf vielfältige Weise: Kenntnisse, die Einzelne in Kursen erworben haben, können sozialisiert, somit für eine ganze Gruppe fruchtbar gemacht werden. Vor Ort werden Kenntnisse an die realen Verhältnisse angepasst. Voraussetzung ist auch hier die «Sozialisierung», verstanden als Kommunikation von Wissen, Erfahrungen und Visionen. Es entstehen wechselseitige Prozesse: Punktuell gewonnene und kurzfristig abgespeicherte Impulse werden in nachhaltige Prozesse überführt und schliesslich wirksam.

Umgekehrt inspirieren die Beratungserfahrungen Themen, die in der Bildungsarbeit aufgenommen werden. Der Basiskontakt hilft Bildungsangebote an die Bedürfnisse vor Ort anzupassen.

Aktuelle Schwerpunkte der Fachstelle

Mit Hilfe von Instrumenten des Qualitätsmanagements erfindet sich die Fachstelle «Bildung und Propstei» ständig neu. Immer wieder werden Prozesse und Inhalte auf den Prüfstand gestellt. Teilnehmende von Veranstaltungen und Kursen, verschiedene Verantwortliche in der Aargauer Kirche, besonders auch die Fachkommission «Bildung» sowie der Kirchenrat der Landeskirche tragen im Dialog den permanenten Evaluationsprozess mit.

In den vergangenen 16 Jahren hat sich mit der Wislikofer Schule die Bibliodrama- und Seelsorge-Ausbildung etabliert.2 Sie ist inzwischen über die Schweizer Grenzen hinaus bekannt und in diversen Veröffentlichungen gut dokumentiert.3 In Kooperation mit dem Theologisch-pastoralen Bildungsinstitut (TBI) findet aktuell die 7. Ausbildung in Bibliodrama und Seelsorge statt. Grosses Echo finden unterschiedliche spirituelle Angebote von Kontemplationskursen über Shibashi bis zum Pilgern wie auch Paarkurse oder die Ein-Eltern- Ferienwoche. Mit den Schweizerischen Samichlaus- Synoden und dem Sternsinger-Forum leistete die Fachstelle Beiträge zur Förderung der lebendigen kirchlichen und kulturellen Traditionen in unserem Land. Unter dem Titel «Wege zum Leben» gibt es unterschiedliche Veranstaltungen für Menschen in Situationen von Krankheit und Krisen. Im Bereich «Zukunft Kirche» versammeln sich seit Jahren zahlreiche Personen zu Kirchenpflegetagungen, Lektorenkursen und ähnlichen Kursen zur Stärkung der «Kompetenz für Freiwillige». In jüngerer Zeit geht es zusätzlich um Bemühungen, dass im Aargau auch mit Pastoralräumen und Personalmangel «die Kirche im Dorf bleibt». Durch die Arbeit der Fachstelle entstanden Räume einer von weiblicher Spiritualität geprägten Kirche, in der auch die Genderthematik in der Kirche breit diskutiert wird. In unterschiedlicher Art und Weise kooperiert die Fachstelle in Kirche und Gesellschaft mit anderen Gruppierungen, Institutionen und Organisationen im Kanton. Zusammen mit den Fachstellen «Katechese und Medien» und «Jugend» verantwortet sie seit Jahren die Formodula-Ausbildung in der Religionspädagogik. Als Bildungsplattform im Aargau bewirtschaften sie gemeinsam das Qualitätslabel EduQua.

Respekt vor Glaubenssubjekten

Religiöse Bildungsarbeit kann heute nicht nur als kollektives Einstimmen in den Glauben der Kirche oder als einmütiges Miteinander-Glauben verstanden werden. Glauben wird viel mehr gesucht als authentische Erfahrung und selbstbestimmtes Nachvollziehen der «Botschaft». Deshalb findet religiöse Bildungsarbeit ihre besondere Bedeutung als biografische Selbstthematisierung. Sie ist Ort von Entwicklungen und Scheitern, Brüchen und Kon-tinuitäten. Biografie als genuin theologischer Ort von Glauben und Unglauben verdient Respekt. Die Einzelnen wollen in ihrer eigenen Lebens- und Glaubenskompetenz angesprochen werden. Darum kann in der Bildungsarbeit an Biografien der Einzelnen angesetzt und im Kontext christlicher Lebens- und Handlungsmotive zu einem persönlichen Selbstverstehen und Deutungsprozess angeregt werden.

Eine Kirche, die eine solche Bildungsarbeit trägt und finanziert, muss Abstand davon nehmen, Bildungsarbeit als ein Marketing-Instrument zur Rekrutierung neuer Mitglieder oder zum Auffüllen leerer Kirchenbänke einzuspannen. Ihre Aufgabe ist es vielmehr, die unterschiedlichen Formen kirchlicher Verbundenheit, persönlicher Frömmigkeit und christlichen Selbstverständnisses als Reichtum zu begreifen.

Ermächtigung in Kirche und Gesellschaft

«Im Christentum geht es um den Protest gegen die Halbierung menschlicher Zukunfts- und Lebenserwartung; es erhebt Einspruch dagegen, dass sich der Mensch mit den kleinen und spiessigen Erfüllungen seiner grossen Hoffnungen zufrieden gibt»4, schreibt Hans-Joachim Höhn, Systematiker an der Universität Köln und scharfer Beobachter gesellschaftlicher Veränderungsprozesse.

Bildungsarbeit hat ermächtigenden Charakter, wenn sie ermöglicht, persönliche und kollektive Unterdrückungsgeschichten mit den befreienden Texten der jüdisch-christlichen Tradition zu verbinden. So steht religiöse Bildung auch für die Unterbrechung von machtförmigen Strukturen, denn «Unterbrechung ist die kürzeste Definition von Religion» (Johann Baptist Metz). Eine solche unterbrechende Erinnerung ist «gefährliche Erinnerung». Warum? Weil das, was unter dem Teppich liegt, persönliches und gesellschaftliches Scheitern einen Ort bekommt und beim Namen genannt wird. Bildungsarbeit, die ermächtigen will, ergreift Partei, wenn es um Ungerechtigkeit und Bevormundung geht. Sie verbindet sich mit gesellschaftlichen Bewegungen und sozial engagierten Gruppen. Auch eine Bildungsarbeit wie zum Beispiel das Kennenlernen anderer Religionen, die nicht direkt zu einem wahrnehmbaren Protest oder zu sozialen Aktionen führt, kann diesen konflikthaft-emanzipatorischen Charakter haben. Das Sammeln kritischen Wissens, das Vorurteile abbaut sowie die Begegnung mit dem Fremden/dem Anderen hat auf seine Weise subversive, ermächtigende Kraft, verhilft zu empowerment.

Lebenskompetenz fördern

Unter dem Anspruch, Lebenshilfe zu sein, zielt religiöse Bildungsarbeit auf eine spezifische Form der Lebenskompetenz. Es geht um ein Wissen, das Menschen in Verbindung mit anderen gut leben lässt. Dabei kann das eine Mal der Aspekt der Glaubenshilfe, die Relevanz des Glaubens zur Bewältigung des Lebens, ein anderes Mal der Aspekt der Lebenshilfe im Vordergrund stehen.

Transformation von Christentum und Kirche

Kirchliche Bildungsarbeit befindet sich, ausgelöst durch die Diskussion um die schwindende Finanzkraft der Kirchgemeinden, unter Legitimierungsdruck. Entwicklungen in deutschen Bistümern zeigen, dass Bildungsangebote – neben Angeboten der kirchlichen Jugendarbeit – auf überpfarreilicher Ebene am ehesten Sparmassnahmen zum Opfer fallen. Woran liegt es? Immer noch werden antimoderne Erwartungen an die Bildungsarbeit gestellt, und dies auf den Ebenen Gemeinde, Dekanat und Bistum. Zu diesen antimodernen Erwartungen gehören die Forderungen, religiöse Bildung solle im Dienst der Katechese stehen, eine möglichst vollständige Weitergabe des Glaubens sichern, neue Kirchgänger und Kirchgängerinnen sowie freiwillige Mitarbeitende rekrutieren, eine neue christliche Gesinnungsgemeinschaft begründen. Garantiert eine Bildung in kirchlicher Trägerschaft diese Ziele nicht, kommt sie unter Legitimierungsdruck und ist dem Spardruck ohne Abfederung ausgesetzt. Wie anders sieht es aus, wenn kirchliche Bildungsarbeit sich als Instrument der Transformation von Christentum und Kirche versteht, verstehen darf?

Statt der Reanimierung und Zementierung des Alten, befördert sie die Neuformulierung des Glaubens unter den Bedingungen der Moderne, wie sie in zahlreichen religionssoziologischen Studien mit den Termini «Pluralisierung und Individualisierung»5 beschrieben werden. «Das Evangelium will Zugang zum Herzen des Menschen finden (...) So kommt allen Medien und kulturellen Ausdrücken eine besondere Beachtung zu, die geeignet sind, den Menschen in seiner Tiefe anzusprechen. Die von der Kirche gepflegte Sprache der Verkündigung ist immer wieder grundlegend auf ihre Lebensnähe, Verständlichkeit, Berührungs- und Empathie-Fähigkeit hin zu reflektieren. Dabei kann die von Martin Luther für seine Bibelübersetzung gewählte Methode des ‹Dem-Volk-aufs-Maul-Schauen› weiterhin richtungsweisend sein. Für eine lebendige Verkündigung dürfte weder eine heilige Sondersprache noch blosse dogmatische Korrektheit tragend sein, sondern ein kreatives Suchen nach aktuellen Bildern und neuen Sprachspielen. In seiner Ansprache zur Eröffnung des zweiten Vatikanums erklärte Johannes XXIII.»6: ‹Denn eines ist die Substanz der tradierten Lehre, d. h. des depositum fidei; etwas anderes ist die Formulierung, in der sie dargelegt wird.›»7

Gegen die einseitige Betonung des Kopfes setzt religiöse Bildung damit auf ganzheitliche Wahrnehmung. Statt in Hierarchien zu denken und zu handeln, wird das Leben in Verbundenheit mit anderen, mit Welt und Schöpfung gefördert. Die Sensibilität für ein Leben und Handeln auf Augenhöhe wird eingeübt. Machtförmiges Denken wird irritiert durch das Einnehmen der Perspektive der Marginalisierten. Gendergerechtigkeit, Gleichberechtigung, Partizipation sind Lernziele, die Machtformen, Unterdrückung und Hierarchie verändern. In einer Kirche wachsender Reglementierung fördert eine so verstandene Bildungsarbeit die Fähigkeit zum Dialog auf Augenhöhe, zur Partizipation und Mündigkeit.

Wie die Pfarreiseelsorge, kirchliche Beratungszentren, schulischer Religionsunterricht, Spital-, Gefängnis- und weitere kategoriale Seelsorgeangebote ist die kirchliche Bildungsarbeit als gleichberechtigte Sozialform der Kirche ernst zu nehmen. Ihre besondere Ästhetik als Wahrnehmungs- und Ausdrucksinstrument macht die Kirche anschlussfähiger und zeitgenössischer.

Für die Zukunft einer befreienden Kirche

«Seit 40 Jahren steht die Fachstelle ‹Bildung und Propstei› Pfarreien, Ehrenamtlichen und Freiwilligen mit Bildung und Beratung zur Seite. Im Geiste des Zweiten Vatikanischen Konzils und der befreienden Botschaft des Ersten und Zweiten Testaments geht es um ein partizipatives Miteinander in der Kirche», heisst es im Prospekt des Jubiläums, welches zur Ausrichtung der Römisch-katholischen Kirche im Aargau «für eine zukunftsfähige und befreiende Kirche vor Ort»8 beitragen kann. Ihr Jubiläum nimmt die Fachstelle zum Anlass, nach Visionen einer Kirche zu suchen, die die Zeichen der Zeit wahrnimmt, mit den Menschen verbunden ist und im Vertrauen auf Gottes Gegenwart ihren Weg in die Zukunft geht.

Dazu lädt sie Gruppen von Engagierten (Hauptamtliche und Freiwillige) ein, ihre Vorstellungen von einer befreienden Kirche kreativ zu gestalten und zu präsentieren. Die einzelnen Beiträge werden am Jubiläumsfest der Fachstelle am 13. November 2016 in der Propstei Wislikofen von 16 bis 20 Uhr vorgestellt und gewürdigt. Hierzu sind die beteiligten Gruppen und Personen herzlich eingeladen.

 

1 Die Gesamtstrategie der Fachstelle Bildung und Propstei der Römisch-katholischen Landeskirche im Aargau wurde 2014 von der Fachkommission diskutiert und vom Kirchenrat verabschiedet

2 Vgl. Claudia Mennen, Peter Zürn: «Da wohnt ein Sehnen Tief in uns nach Dir, Gott», in SKZ 184 (2016) 210, 215f.

3 Neuste Veröffentlichung: Nicolaas Derksen, Claudia Mennen, Sabine Tscherner, Bibliodrama und Seelsorge, Im Spiel mit dunklen Gottesbildern, Ostfildern 2016

4 Hans-Joachim Höhn, Zerstreuungen, Religion zwischen Sinnsuche und Erlebnismarkt, Düsseldorf 1998/99

5 Vgl. z. B. Alfred Dubach, Brigitte Fuchs, Ein neues Modell von Religion. Zweite Schweizer Sonderfallstudie – Herausforderung an die Kirchen, Zürich 2005

6 Lindner, Bernhard: «Somos Pueblo – Somos Iglesia»: Die Erfahrung der Südandenkirche Perus, Zürich-Berlin 2010, 454

7 Ansprache Papst Johannes XXIII. zur Eröffnung des Zweiten Vatikanischen Konzils (11. Oktober 1962): Kaufmann/Klein: Johannes XXIII. Prophetie im Vermächtnis. Fribourg-Brig 1990, 136

8 Fachstelle Bildung und Propstei( Hrg.), Werbeflyer Jubiläums-Projekt «Unglaublich befreiend», April 2016

Bernhard Lindner und Claudia Mennen

Dr. Bernhard Lindner, Theologe und Supervisor, Fachstelle Bildung und Propstei.

Dr. Claudia Mennen, Theologin und Organisationsberaterin, Leiterin Fachstelle Bildung und Propstei.