Weder ein billiges Ja noch ein trotziges Nein

Paare gleichen Geschlechts sollen dieselben Rechte haben wie Paare verschiedenen Geschlechts. Auch sie sollen zivil heiraten können. Über die «Ehe für alle» stimmen wir am 26. September ab.

Anfang Juli hatte ich in einem Interview in der «NZZ» im Zusammenhang mit der Abstimmung vom kommenden September über die «Ehe für alle» unter anderem erklärt: «Kommt die ‹Ehe für alle› durch, sollten wir vielleicht die Partnerschaft zwischen Mann und Frau neu benennen: ‹Liebe für immer› oder ‹Bio-Ehe›.»

Zahlreiche Menschen haben sich in Beiträgen, E-Mails und Kommentaren in der Folge Gedanken gemacht, wie das mit der «Bio-Ehe» sein könnte: Ernsthaft, kritisch, ironisch bis hin zur Glosse. Ich danke allen, die meinen Steilpass aufgenommen haben, ihn weiterspielen und das Thema so zur Diskussion bringen.

Tatsächlich habe ich eine erstaunlich rege Diskussion ausgelöst, die bis heute andauert. Zugegeben: Die Bezeichnung «Bio-Ehe» ist mehrdeutig und kann in verschiedene Richtungen interpretiert werden. Mir ist in dem Moment einfach keine bessere Bezeichnung in den Sinn gekommen. Bis jetzt aber hat noch niemand eine bessere Bezeichnung geliefert. Eine gute Idee kann diesbezüglich neuen Schwung in die Diskussion bringen, für ernstgemeinte Vorschläge bin ich offen.

Es liegt mir fern, mit der «Bio-Ehe» eine Wertung oder gar Abwertung vorzunehmen. So kann die Bezeichnung «Bio» mit Biologie und Natur in Verbindung gebracht werden. Das war aber nicht meine Absicht. Um was es mir geht: zum Nachdenken anregen über die Bezeichnung «Ehe» von ihrem biblisch jüdisch-christlichen Ursprung her. Und dass auch andere Formen von Partnerschaft auf dauernde Liebe ausgerichtet sein können, ist für mich selbstverständlich.

Ich finde es gut und recht, dass verschiedenen Formen von stabilen Partnerschaften im staatlichen Bereich Rechte und Pflichten zuerkannt werden, und an der Urne soll jede und jeder frei und aus eigener Überzeugung entscheiden, was die Partnerschaften am besten schützt und fördert.

Wenn man im ersten Buch der Bibel liest, erkennt man, dass Mann und Frau aufeinander hin geschaffen sind und die Partnerschaft auch auf Fortpflanzung ausgerichtet ist: «Gott erschuf den Menschen als sein Bild, als Bild Gottes erschuf er ihn. Männlich und weiblich erschuf er sie. Gott segnete sie und Gott sprach zu ihnen: Seid fruchtbar und mehrt euch …» (Gen 1, 27-28). So wurde die Bibel von der Kirche und der Tradition immer interpretiert.

Es ist mir klar, dass die Bibel nicht buchstäblich verstanden werden darf, denn sie spricht in Bildern und allegorischen Erzählungen, welche aber die Offenbarung Gottes über Gott, Mensch und Welt darstellen. Die Ehe ist nicht bloss eine kulturell bedingte Institution.
Es gibt eine in der Bibel überlieferte, spezifische Beziehung zwischen Mann und Frau, die bis jetzt «Ehe» genannt wurde. Alles andere ist etwas Anderes. Einzig das ist mein Anliegen – weder wertend noch abwertend: Ich plädiere dafür, in der Benennung diesen Unterschied aufrechtzuerhalten. Ich stelle auch die Frage: Verstehen denn alle, die die «Ehe für alle» befürworten, unter «Ehe» dasselbe? Wenn nicht, warum soll man dann den gleichen Begriff verwenden?

Die Diskussion muss weiter gehen. Weder ein billiges Ja noch ein trotziges Nein werden dem ernsthaften Anliegen gerecht.

+Joseph Maria Bonnemain, Bischof von Chur


Joseph Maria Bonnemain

Dr. med., Dr. iur. can. Joseph Maria Bonnemain (Jg. 1948) wurde in Barcelona (E) geboren und machte 1967 dort die Matura. Anschliessend studierte er in Zürich Medizin. 1975 Studium der Philosophie und Theologie in Rom und 1978 Empfang der Priesterweihe für die Personalprälatur Opus Dei. 1980 Promovierung in Kirchenrecht in Navarra (E). 1981 Mitarbeit im Büro des Diözesangerichts im Bistum Chur und seit 1982 Vize-Justizvikar. Von 1984 bis zu seiner Bischofsernennung war er Seelsorger im Spital Limmattal in Schlieren ZH. Weiter ist Bonnemain seit 1989 Offizial im Bistum Chur, seit 2002 Sekretär des «Fachgremiums Sexuelle Übergriffe im kirchlichen Umfeld», seit 2003 Domherr, gehört seit 2008 dem Bischofsrat an und ist seit 2009 Monsignore. Papst Franziskus ernannte ihn am 15. Februar zum Bischof des Bistums Chur.