Paul VI. seliggesprochen

 Knapp sechs Monate nach der Doppel-Heiligsprechung von Johannes XXII. und Johannes Paul II. wurde am 19. Oktober 2014 nun Paul VI. seliggesprochen. Da fragen manche Katholiken: Ist das nicht zu viel des Guten? Warum diese Aufwertung dreier Päpste in so schneller Folge?

Andre hingegen wundern sich, dass Rom am Ende einer Synode über Familie, Ehe, Sexualität, bei der etliche Teilnehmer das von Paul VI. (in der Enzyklika «Humanae vitae») formulierte «Nein zur künstlichen Empfängnisverhütung» als realitätsfern und unpraktikabel bezeichneten, ausgerechnet diesen Pontifex zur Ehre der Altäre erhebt.

Doch Papst Franziskus hält diese Einwände für unwichtig im Vergleich zu den zweifellos evidenten positiven Seiten in der Person und im Pontifikat Giovanni Battista Montinis. Dass Paul VI. die für einen Seligen und Heiligen unerlässlichen christlichen Tugenden «in heroischem Ausmass» besass, steht ebenso fest wie der Umstand, dass ihm der Vatikan ein «miracolo», konkret: die wundersame Heilung eines Fötus, also eines noch nicht geborenen Kindes, zuschreibt.

Aber Franziskus betrieb die Beatifikation von Papst Paul vor all

em aus drei kirchenpolitischen Gründen: Der Montini-Papst hat das Konzil vollendet, ja er hat es gegen alle Widerstände «gerettet», er schuf 1965 die Bischofssynode als ständige Einrichtung, und er gab durch seine Pilgerreisen wichtige Anstösse für die Ökumene. Also gewiss bedeutsame, folgenreiche Leistungen, die Franziskus denn auch in seiner Predigt zur feierlichen Beatifikation gebührend würdigte. Zum Zeichen seiner vollen Zustimmung erinnerte er an die Worte, mit denen Paul VI. seinerzeit die Bischofssynode errichtete: Es gilt, Wege und Methoden zu suchen, um die Kirche den Notwendigkeiten unserer Tage sowie den veränderten gesellschaftlichen Verhältnissen anzupassen.

Im Blick auf diesen «grossen Steuermann des Konzils», diesen tapferen, mutigen Christen und unermüdlichen Apostel könne man heute nur sagen: «Danke, unser geliebter Papst Paul VI., danke für dein demütiges und prophetisches Zeugnis der Liebe zu Christus und seiner Kirche.»

Weil Paul VI. im Schatten seiner grossen Vorgänger und Nachfolger steht, hat man ihn oft einen «vergessenen Papst» genannt – just so ist ja auch die von Prof. Jörg Ernesti geschriebene beste Biografie Montinis überschrieben. Durch die Seligsprechung wird dieser Pontifex, wenigstens ein Stück weit, aus der Vergessenheit herausgeholt.

 

Bernhard Müller-Hülsebusch

Bernhard Müller-Hülsebusch

Dr. Bernhard Müller-Hülsebusch, seit vielen Jahren Korrespondent von deutschen und schweizerischen Medien in Rom und Buchautor, beschäftigt sich vor allem mit Themen rund um den Vatikan