Gottes Traum für uns Menschen

Abt Urban Federer vom Kloster Einsiedeln hat sich des Themas dieser SKZ angenommen und offenbart weitere (verheissungsvolle) Hintergründe.

Das Matthäusevangelium lässt Menschen träumen – und ihre Wege gehen. Die Sterndeuter aus dem Osten etwa träumen und nehmen daraufhin den richtigen Weg. Die Frau des Pilatus träumt und erkennt einen falschen Weg. Und Josef träumt. Darum verstösst er Maria und das Kind nicht und kann durch die Flucht dem Morden entwischen. Durch einen Traum findet er danach wieder den Weg nach Hause.

Der hl. Josef ist ein Träumer. Und er hat Vertrauen. Im Traum hört er Gottes Stimme und macht sich auf. Im Traum kann sich der Weg nur abzeichnen. Gehen muss ihn Josef im konkreten Alltag. Wie aber kommt Josef dazu, seinen Träumen zu vertrauen? Auch wenn in Josefs Träumen ein Engel ihm zu befehlen scheint, muss er sich danach doch dafür entscheiden, ob und wie er seinen Lebensweg konkret geht. Auch der alttestamentliche Josef musste lernen, nicht nur zu träumen, sondern Träume zu deuten. Damit verhalf er ganzen Völkern zu Leben. Zum Leben führen auch die Träume des hl. Josef: In ihnen tritt Gott in sein Leben ein. Nicht in seine Träume hat Josef in erster Linie Vertrauen, sondern in Gott, der durch die Träume spricht. Die Träume machen Josef offen für Verheissungen, die am hellen Tag verborgen in ihm schlummern. Oft muss er zuvor die Worte gehört haben, die im Traum wieder aufsteigen, wenn der Engel ihm sagt: «Dies alles ist geschehen, damit sich erfüllte, was der Herr durch den Propheten gesagt hat: ‹Siehe: Die Jungfrau wird empfangen und einen Sohn gebären und sie werden ihm den Namen Immanuel geben›, das heisst übersetzt: Gott mit uns» (Mt 1,22 f.). Im Traum fällt es Josef einfacher, Gott zu vertrauen. So können Verheissungen wahr werden.

Was aber, wenn jemand aufhört zu träumen? Josef wird «Sohn Davids» genannt. Auch König David hat einen Traum. Er erbaut sich die Hauptstadt Jerusalem mit einem Palast. Es fehlt noch der Tempel und dann lebt David in Ruhe. Aber Gott lässt sich nicht einsperren. David will seine eigene Ruhe haben, Gott viel lieber Frieden für den Menschen. Gott investiert nicht zuerst in ein Haus, sondern in Beziehungen: Er will für Davids Sohn Vater sein. Wo der Mensch aufhört zu träumen, da träumt Gott für den Menschen. Der Mensch lässt ihm keine Ruhe, er sucht immer neue Wege zu ihm. Darum wird es Weihnachten: «Fürchte dich nicht, Maria; denn du hast bei Gott Gnade gefunden. Siehe, du wirst schwanger werden und einen Sohn wirst du gebären; dem sollst du den Namen Jesus geben. Er wird gross sein und Sohn des Höchsten genannt werden. Gott, der Herr, wird ihm den Thron seines Vaters David geben» (Lk 1,30–32).

In Josefs Träumen werden Verheissungen wach, weil er schon lange diesem Gott vertraut. Josef hat nicht aufgehört zu träumen, sondern spürt: Gottes Verheissungen werden wahr. Für diese setzt sich der hl. Josef ein, wie dies Papst Franziskus von uns allen fordert: «Wir sind nicht dazu geschaffen, um vom Urlaub oder vom Wochenende zu träumen, sondern um Gottes Träume in dieser Welt zu verwirklichen.»

Abt Urban Federer


Urban Federer

Urban Federer (Jg. 1968) studierte Theologie in Einsiedeln und St. Meinrad, Indiana (USA), danach Germanistik und Geschichte in Freiburg i. Ü., wo er auch promovierte. Seit 2013 ist er Abt des Klosters Einsiedeln und damit Mitglied der Schweizer Bischofskonferenz. Er steht der Liturgischen Kommission der Schweiz vor. (Bild: Jean-Marie Duvoisin)