Das neue Jerusalem kommt vom Himmel auf die Erde

5. Sonntag in der Osterzeit: Offb 21,1–5a (Apg 14,21b–27; Joh 13,31–33a.34–35)

«Verklärt ist alles Leid der Welt, des Todes Dunkel ist erhellt. Der Herr erstand in Gottes Macht, hat neues Leben uns gebracht (…). Nun singt dem Herrn ein neues Lied, in aller Welt ist Freud und Fried. Es freu sich, was sich freuen kann, denn Wunder hat der Herr getan.» So lauten die zweite und die fünfte Strophe eines bekannten Osterliedes. Ich gehe davon aus, dass dieses Lied von vielen gesungen wird, gehört es doch zu den klassischen «Osterschlagern». Da entscheidet nicht so sehr der Text, sondern die Melodie. Aber was singen wir, wenn wir singen «verklärt ist alles Leid der Welt» oder «in aller Welt ist Freud und Fried»? Oder anders gefragt: Wo sind wir, wenn wir so singen? Unsere Welt kann es auf jeden Fall nicht sein, denn die ist voll von Konflikten, Terror, Gewalttaten, Kriegen, Hungersnöten, von Menschen, die in ihrer Gier vor nichts zurückschrecken usw. – und all das gäbe es nicht, wenn die Presse nur das Positive berichten würde, wie viele meinen. Ist das Osterlied eine Verdrängung alles dessen, eine Aufforderung gar zum Wegsehen, um das Leiden nicht wahrnehmen zu müssen? Meint «verklärt ist alles Leid der Welt» Verklärung im Sinne eines Zuckergusses, damit wir unseren eigenen Glauben bewahren können?

Liessen sich nicht auch ähnliche Einwände an Johannes richten? Bei ihm spielen Hymnen und himmlische Liturgien doch ebenfalls eine entscheidende Rolle in seiner Offenbarung. Er schreibt sie für jene, die wie er um des Wortes Gottes willen und ihres Zeugnisses für Jesus in Bedrängnis leben, und die sich deshalb weigern, Götzendienst zu leisten. Aber gerade weil er unter dieser Situation zusammen mit seinen Glaubensgeschwistern leidet, kann er von ihr nicht absehen. Sie wird zum Gegenstand intensiver Analyse. Und hier haben auch die Hymnen ihren Ort, weil sie die Tiefendimension der Geschichte deutlich machen. Dadurch wird der Grund zur Kraft des Widerstandes sichtbar. Gesänge und himmlische Liturgie haben eine hinweisende Funktion, sie erhellen, verdoppeln aber nicht eine ohnehin schon bekannte Wirklichkeit.

Neu

All dies sei vorausgeschickt, wenn es um die Vision des Neuen geht: Die Lesung beginnt mit der Vision des neuen Himmels und der neuen Erde wie der Stadt Jerusalem (Offb 20,1–2). Es geht um einen neuen Kosmos. Neu an ihm ist, dass es «kein Meer» (V. 1) und «keinen Tod, keine Trauer, keine Klage und keine Mühsal» mehr gibt, auch keinen Fluch (Offb 22,3) und keine Nacht (Offb 21,25) mehr. Es mag erstaunen, dass das Meer verschwindet. Aber das Meer ist ein Chaosort, ein Abgrund, aus dem das Tier mit der Hure Babylon gestiegen ist. Dieses Tier ist besiegt, der Kampf ist ausgefochten. Ähnlich kann auch die Nacht verstanden werden. Sie ist die Finsternis der dunklen Mächte wie auch der Gottverlassenheit. Eine weitere Eigenart dieses Kosmos ist, dass der Tod endgültig besiegt ist. Hier knüpft Johannes an Jes 25,8 an. «Die Erde und der Himmel sind neu, und Jerusalem ist neu, weil in ihnen das Leben über den Tod triumphiert, die Ordnung über das Chaos und das Licht über die Finsternis, das Mitleiden über jede Trauer, Klage und Mühsal obsiegt und weil es keinen Fluch mehr gibt. Transzendiert wird hier nicht die Materialität oder die Leiblichkeit, sondern der Tod, das Chaos, das Leiden, die Verwünschung; nach wie vor gibt es Himmel und Erde und eine Stadt, nach wie vor gibt es Geschichte, aber all das nunmehr ohne Tod und Vernichtung».1

Johannes sieht das neue Jerusalem von Gott her wie eine Braut, die sich für ihren Mann geschmückt hat, herabkommen. Eingehend wird dieses neue Jerusalem in Offb 21,9–21 beschrieben. Jerusalem ist die Braut des Lammes. Es geht um eine Stadt. Und dies ist insofern wichtig, als eine Stadt mehr ist als ihre Bewohner, dass sie aber nichts ist ohne sie. Sie ist das Ensemble alles dessen, wie Menschen ihre Beziehungen untereinander gestalten. Noch klarer wird der Gedanke, wenn man das Gegenbild dieser Stadt berücksichtigt: Es ist die Hure Babylon (Offb 17–18). Bei ihrem Untergang wird mit aller Deutlichkeit gesagt, wer mit ihr gebuhlt hat, um so Macht zu erhalten:Es sind die Könige der Erde, die an ihrem Luxus teilhatten (Offb 18,4); die Kaufleute weinen, weil niemand mehr ihre Luxusartikel kaufen kann (Offb 18,11 ff.); Kapitäne und Schiffleute schreien, weil sie es mit ihren Schiffen zu Reichtum und Wohlstand brachten in der Stadt (Offb 18,17 ff.). All diese Gruppierungen stehen für die Hurerei mit Rom, will heissen: Sie haben mit ihrem Reichtum Rom gross gemacht, sodass diese zur Roma Dea wurde. Dieses göttlich gemachte Rom hat für sich göttliche Ehren beansprucht, die man ihm gewähren musste, und damit auch alle Beziehungen korrumpiert. Wer nicht teilnahm an diesem Spiel, wer sich ihm verweigerte, weil er diesen auf Pump gemachten Anspruch auf Göttlichkeit als Blase, als ein Nichts erkannte, dem war der gesellschaftliche Ausschluss und bisweilen sogar der Tod sicher. Rom hat sich berauscht mit dem Blut der Märtyrer. Doch damit soll es nun ein Ende haben. Das neue Jerusalem, das vom Himmel zur Erde herabkommt, wird sich ändern. Was in himmlischen Liturgien vorweggenommen wurde, will Wirklichkeit werden. Die neue Gemeinschaft ist jetzt nicht mehr im Himmel, sondern will hier auf Erden ihren Ort haben.

Feind Gottes ist die Idolatrie

Die Audition Offb 21,3 erklärt eindrücklich die Wohnung Gottes unter den Menschen: «Siehe, die Wohnung Gottes bei den Menschen! Er wird bei ihnen wohnen, und sie werden seine Völker sein, und Gott selbst wird mit ihnen sein, ihr Gott.» Diese Worte lassen Lev 26,11 f. anklingen: «Ich werde in eurer Mitte Wohnung nehmen und keinen Widerwillen gegen euch hegen. Und ich werde unter euch wandeln und euer Gott sein, und ihr sollt mein Volk sein.» Das (und noch mehr) wird den Israeliten von Gott verheissen, wenn sie sich nicht vor Götzen niederwerfen, die Sabbate halten und nach den Satzungen und Geboten Gottes leben. Im Unterschied dazu spricht Johannes nicht vom Volk im Singular, sondern von den Völkern. Und in Offb 21,22 hält er fest, dass die Stadt ohne Tempel ist, «denn Gott der Herr, der Herrscher über das All, ist ihr Tempel, er und das Lamm». Damit wird der Tempel universal und kann kein Gebäude, auch keine Kirche sein. «Gott wird in ihrer Mitte wohnen», das ist die neue Gemeinschaft, die Gemeinschaft bestehend aus allen Menschen und Völkern, sofern sie Gott wohnen lassen. Denn Gott kann nur da Gott sein, wo er auch als Gott anerkannt wird. Man kann sich Gott verweigern. Was das heisst, hat Johannes mit deutlichen Worten gesagt: Der Feind Gottes ist nicht der Atheismus oder der Agnostizismus, sondern die Idolatrie, der Götzendienst. Der wahre Feind Gottes ersetzt den lebendigen Gott durch etwas, das in sich nichts ist, aber real das Leben fordert. Oder mit den Worten des Psalmisten: «Ihre Götzen sind Silber und Gold, Machwerk von Menschenhand. Sie haben einen Mund und sprechen nicht, haben Augen und sehen nicht. Sie haben Ohren und hören nicht, haben eine Nase und riechen nicht. Mit ihren Händen fühlen sie nicht, mit ihren Füssen gehen sie nicht, mit ihrer Kehle geben sie keinen Laut. Ihnen werden gleich sein, die sie machen, jeder, der ihnen vertraut» (Ps 115, 4–8). Daher ist die Verheissung des neuen Himmels und der neuen Erde wie auch der Verheissung des neuen Jerusalems mehr als ein blosser Mythos.

1 Pablo Richard: Apokalypse. Das Buch von Hoffnung und Widerstand. Ein Kommentar. Luzern 1996, 236.

Hanspeter Ernst

Hanspeter Ernst

Der Theologe und Judaist Hanspeter Ernst ist Geschäftsleiter der Stiftung Zürcher Lehrhaus – Judentum, Christentum, Islam
hanspeter.ernst@lehrhaus.ch