Über die letzten Dinge in sakulärer Zeit

Detail aus dem Felixaltar in der Wallfahrtskirche Hergiswald in Kriens/Obernau LU (erbaut 1501–1662). (Bild: mh)

 

Ich werde älter. Wenn ich nicht regelmässig Sport mache, merke ich das sofort. Altersweitsichtigkeit ist eine lästige Sache. Und das Gespräch mit Freunden und Kollegen dreht sich zunehmend um die alten Eltern – und ums eigene Älterwerden. Von einer «Spiritualität der zweiten Lebenshälfte» ist in letzter Zeit häufiger die Rede. Die erste Hälfte: Das ist die Zeit der Projekte, der Entwicklung und des Fortschritts. Wir arbeiten, lernen, planen, bauen – und kommen, wenn es gut geht, voran. Zweite Lebenshälfte: Wie weit auch immer wir gekommen sind – die Dynamik ändert sich. Es gibt immer noch Fortschritte und Neues. Aber manches in meinem Leben wird sich nicht mehr ändern. Es gibt die ersten Erfahrungen, dass etwas nicht mehr geht, dass ich etwas loslassen muss. Und ich weiss: Das wird zunehmen bis zum letzten grossen Loslassen, bei dem mir nichts mehr bleibt.

Natürlich ist das zu schematisch. Die Erfahrung von Grenzen gibt es auch in der ersten Lebenshälfte. Mancher blüht in der zweiten Hälfte erst richtig auf. Und wann diese zweite Hälfte beginnt, hat längst nicht nur mit dem biologischen Alter zu tun. Zumal niemand weiss, wann sie für ihn oder sie tatsächlich beginnt, weil niemand sein Sterbedatum kennt. Vielleicht kommt das grosse Loslassen-Müssen auch plötzlich. Sicher ist: Es kommt. Wir wissen das, und verdrängen es vielleicht. Oder wir versuchen, auch den Kontrollverlust noch unter Kontrolle zu bringen. Möglichst umfassend vorzusorgen. Das Älterwerden zu lernen, das Sterben zu lernen. Dagegen ist prinzipiell gar nichts zu sagen. Die Kunst des Sterbens hat eine lange philosophische und religiöse Tradition. Allerdings kann es paradox werden, wenn wir versuchen, auch das, was nicht in unserer Macht steht, noch gelingen zu lassen.

Christen hoffen, dass das Ende dieses Lebens nicht das Letzte ist, sondern, ebenso wie das Leben selbst, noch ein Vorletztes. Das Letzte, so hoffen sie, ist ein neues Leben. Die Tradition hat viele Bilder für dieses neue Leben. Manche dieser Bilder betonen den Bruch zum «alten Leben». Manche betonen eher die Kontinuität, so beispielsweise die Vorstellung, dass wir bereits mit der Taufe mit Christus gestorben und auferstanden sind. Hier fängt das neue Leben nicht erst nach dem Ende des alten an. Das Letzte kommt gar nicht «nach» dem Vorletzten, weil es nicht das zeitlich Spätere ist. Es ist vielmehr der tiefste Grund, der alles Vorletzte und Vorläufige trägt. So ragt dieses neue Leben in mein altes bereits hinein, es leuchtet in ihm auf und hilft mir, mein Weniger-Werden, mein Zugehen auf den Tod mit einer gewissen Gelassenheit zu nehmen. Mein neues, ewiges Leben ist bereits angebrochen, weil der Gott, der mich gewollt hat, mich in Ewigkeit will. Das Vorletzte ist ein Vorletztes, weil es schon immer umfasst ist vom Letzten. Und in dieser Umfassung ist es schön.

Veronika Hoffmann*

 

* Prof. Dr. Veronika Hoffmann (Jg. 1974) studierte Theologie in Frankfurt, Innsbruck, Münster und Erfurt. Sie liess sich zur Pastoralreferentin im Bistum Mainz ausbilden, war von 2013 bis 2018 Professorin für systematische Theologie am Seminar für katholische Theologie an der Universität Siegen und ist seit 2018 Ordinaria für Dogmatik an der Theologischen Fakultät der Universität Freiburg i.Ü.

 

Editorial

Eine Überforderung

Kommt mit dem Tod mein Leben zu einem Ende? War es das? Oder gibt es so etwas wie ein Leben nach dem Tod? Und wenn ja, was darf ich mir erhoffen? Für viele Menschen in Europa ist das Wort «selbst» zur obersten Leitschnur geworden: Selbstverwirklichung, Selbstdarstellung, Selbstbestimmung, Selbstoptimierung, Selbsterlösung. Es liegt einzig an mir, mein Leben zu verbessern, glücklich zu werden, ein Leben in Fülle hier und jetzt zu geniessen, mich aus Verstrickungen und Schlamassel zu befreien. Scheitern ist verboten oder eine Katastrophe. Diese Selbstkultur ist letztlich für alle eine Überforderung. Ich staune, für was alles sich Frau und Herr Schweizer versichern lassen können und sich damit aus der Verantwortung ziehen und die Konsequenzen delegieren. Dies zeigt, dass wir unser Leben doch nicht so selbst in den Händen haben, wie wir es gerne hätten. Wie kann die Gemeinschaft der Glaubenden in dieser einseitig auf das Diesseits bezogenen Gesellschaft von der Hoffnung auf ein von Gott geschenktes Leben danach sprechen? Wo gibt es Erfahrungen, die aufmerken lassen, dass die Wirklichkeit grösser ist als das, was wir sehen? Ist wohlmöglich der Ansatzpunkt gerade die Überforderung des Einzelnen, sein Leben stetig zu optimieren und sich selbst zu erlösen? Ist es die Erfahrung, dass jemand für mich da ist, der mein Scheitern mitträgt und dem ich vertrauen kann?

Maria Hässig