50 Jahre Synode 72 – synodale Prozesse heute

Die konstituierende Sitzung der Synode 72 in der Kathedrale St. Gallen vom 23. September 1972. (Bild: Aus dem Buch «Dem Volk Gottes dienen. Ivo Fürer, Bischof und Weggefährte», St. Gallen 2005)

 

Auch wenn der Ruf nach mehr institutionell implementierter Synodalität in der katholischen Kirche, der Ruf nach mehr gelebter Partizipation im Sinne von verbindlicher Teilhabe immer wieder dämonisiert wird – er ist im Wesen ein «Zeichen der Zeit», von dem die Glaubwürdigkeit und Redlichkeit kirchlicher Transformationsprozesse abhängt. Wie es sich bei allen «Zeichen der Zeit» verhält: Werden sie nicht ergriffen, kehren sie als verpasste Chance nicht wieder zurück bzw. werden sie nur halbherzig angegangen, schlägt Verpasstes umso heftiger zurück. Der Ruf nach Synodalität sollte für die Kirche in der Schweiz ein Kairos und kein Menetekel sein, denn sie ist Erbin der Synode 72. Was dieses Erbe bedeutet, dafür wird das Projekt «Synode 72 – Im Heute gelesen!»1 spannende Einblicke ermöglichen, das Expertinnen und Experten aus der gesamten Schweiz zur Bedeutung der Synode zu Wort kommen lässt.

Seit der Synode 72 wurde einiges an Synodalität und Partizipation auf ortskirchlichen Ebenen in den Schweizer Bistümern erreicht, was auch (staats-)kirchenrechtliche Verankerung fand. Doch bei allem Erreichten sollte gelten: Als wanderndes Volk Gottes darf Kirche sich niemals an einem institutionellen Endpunkt wähnen. Vielmehr hat sie sich der Grunddynamik neuer Ortsbestimmungen auszusetzen, die das Kraftfeld des Evangeliums in und jenseits ihrer Institution vorgibt bzw. längst schon «gebiert». 50 Jahre nach der Synode 72 ist auch hier eine redliche Auseinandersetzung notwendig, die bei allem Erreichten auch offenlegt, was an Potenzialen und Möglichkeiten nicht produktiv ergriffen und umgesetzt wurde. Hierzu gehört die Einsicht, dass analog zum demokratischen Bewusstsein eine synodale Grundhaltung nicht einfach angeboren oder zum Selbstläufer wird. Synodales und partizipatives Bewusstsein bedarf einer kontinuierlichen Einübung, einer stets ideologie- und selbstkritischen Überprüfung und einer diskursiven Aktualisierung – speziell dann, wenn es um Verbindlichkeiten neuer Interpretations- und Gestaltungsweisen von Kirche im Ganzen und glaubender Existenz im Besonderen geht.

Erst wenn solche selbstwirksamen Lernprozesse einer synodalen und partizipativen Ekklesiogenese neu freigelegt und ermöglicht werden, lassen sich Wege eines entsprechenden Stils von Kirche finden, der Sakramentalität (nach LG) und Weltverortung (nach GS) weder gegeneinander ausspielt noch als widersprüchlich diskutiert oder gar als unversöhnlich gegenüberstellt; ein Stil, der gerade solchen Denk- und Sprachkategorien eine Absage erteilt, die in Synodalität und Partizipation nur ein zweckdienliches Medium sehen, eigene Überzeugungen gegenüber anderen durchzusetzen oder ein «Immer weiter so» zu verfolgen; ein Stil schliesslich, der unverhältnismässige Machtdominanzen und statusunabhängige Klerikalismen zu brechen und zu korrigieren sucht, indem er Synodalität als Teilnahmeund Teilhabegeschehen in verlässliche und belastbare Formen von Kirche giesst, die die Willkür Einzelner oder bestimmter Gruppen verhindern. Ohne Zweifel: vor allem dies wird entscheidend sein, ob Synodalität eine Stilfrage oder eine Stilblüte kirchlicher Transformationen wird.

Salvatore Loiero*

 

1 Zusammen mit den Freiburger Professoren François-Xavier Amherdt und Mariano Delgado leitet Salvatore Loiero das Projekt «Synode 72 – Im Heute gelesen!». Mehr Informationen dazu unter: www.unifr.ch/pastoral/de/forschung/synode-72.html

* Prof. Dr. Salvatore Loiero (Jg. 1973) ist Priester des Bistums Lausanne-Genf-Freiburg. Er ist seit 2013 Professor für Pastoraltheologie, Religionspädagogik und Homiletik an der Theologischen Fakultät der Universität Freiburg i. Ü.

Editorial

Zurück zum Ursprung

Wer kennt ihn nicht, den Witz vom Ehepaar, das auf seiner Romreise dem Vatikan einen Besuch abstattet. Angesichts der Fahrzeugflotte des vatikanischen Personals meint der Mann kopfschüttelnd: «Und angefangen haben sie mit einem einzigen Esel …» In letzter Zeit kam mir dieser Witz immer wieder mal in den Sinn. Selbstverständlich gab es in den letzten 2000 Jahren viele Verbesserungen in der Kirche und die Missions-Verkehrs-Arbeitsgemeinschaft (Miva) ist sicher froh, dass zum Esel noch andere Transportmittel hinzugekommen sind. Doch wäre eine Rückkehr zum Anfang auf anderen Ebenen nicht begrüssenswert? Was ist aus der Kirche von Wanderpredigern und Mystikerinnen geworden, die mit ihren Worten ein Feuer in den Menschen entzünden konnten? Wohin ist die Freude am Glauben verschwunden, die Jung und Alt sonntags gemeinsam die heilige Messe feiern liess? Christus hat sich in den vergangenen 2000 Jahren nicht verändert – aber vielleicht wir? Es ist zu einfach zu sagen, die Kirche sei veraltet, realitätsfremd, klerikal usw. Die Menschen begegnen ja nicht der Institution Kirche, sondern konkreten Menschen – uns. Das neue Jahr lädt zu einem neuen Anfang ein. Kehren wir bewusst zu Jesus Christus (und seinem Esel) zurück und beginnen wir mit ihm die Geschichte der Kirche neu. Ich bin überzeugt, dass uns Spannendes und Unerwartetes begegnet.

Rosmarie Schärer