Betreuung am Lebensende

 

Die Journalistin Beate Lakotta und der Fotograf Walter Schels besuchten in Berlin und Hamburg sterbende Menschen in Hospiz-Einrichtungen. Mit den Porträts gestalteten sie die Wanderausstellung «Noch mal leben vor dem Tod», die in mehreren deutschen und Schweizer Städten im Herbst 2016 gezeigt wurde. In dieser Ausstellung und im daraus entstandenen Buch zeigt sich, dass jeder Sterbende eine eigene Geschichte hat.

Diese Vielfalt an Menschen begegnete mir in der Spital- und Heimseelsorge. In Pflegeheimen wird nicht nur gestorben, sondern in erster Linie gelebt. Die Bewohner jeden Alters sind darauf angewiesen, ein Alltagsleben führen zu können. Ein Gottesdienstangebot in ökumenischer Offenheit ist eine Bereicherung des oft langen Tages. Bei regelmässigen Besuchen bleiben bei den einen die Gespräche an der Oberfläche, bei anderen entwickeln sich Beziehungen und lebenslange Begleitung.

Es erfordert Gespür, zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort zu sein. Mehrmals konnte ich erleben, wie die Menschen, die ich besuchte, mir strahlend entgegenblickten. Die Besuchten zeigten so ihre Eigenständigkeit in ihren Wünschen nach seelsorgerlicher Begleitung.

Seelsorge lässt sich nicht aufdrängen, auch nicht auf ausdrücklichen Wunsch oder vorgebrachte Bitte der Angehörigen hin. Aus meiner Erfahrung haben viele Menschen, ob mit oder ohne Distanz zur Kirche, wenig Verlangen nach Gebeten. Und Sakramente dürfen nicht aufgezwungen werden. Jeder hat seine eigene Geschichte, seinen eigenen Hintergrund und seine eigenen Ansprüche. Dem muss die Seelsorge gerecht werden. Begleitung brauchen vor allem auch die Angehörigen, zum Beispiel in der Gestaltung der Abdankungsfeier, bei der das Leben des Verstorbenen nochmals zum Leben gebracht wird.

Die Seelsorge in den Pflegezentren ist ein eigenständiger Beruf mit einem weiten Feld von Aus- und Weiterbildungen. Sie ist nicht nebenbei leistbar. Die Zusammenarbeit innerhalb der Institutionen erfordert Zeit, Fingerspitzengefühl und Verständnis für die innerbetrieblichen Abläufe. Der Heimaufenthalt ist teuer. Jede Pflegeverrichtung wird in Rechnung gestellt. Die Seelsorge ist geschenkte Zeit, ein schönes Privileg, das es zu nutzen gilt.

Elisabeth Aeberli*

 

 

*Die Theologin Elisabeth Aeberli arbeitete zwölf Jahre lang als Spital- und Heimseelsorgerin im Zentrum für Pflege und Betreuung (Pflegimuri) und im Spital Muri AG. Seit ihrer Pensionierung 2014 ist sie aushilfsweise in der Seelsorge tätig und schreibt gelegentlich Blogs für kath.ch.

Editorial

Sterben − aber wie?

Wie stelle ich mir mein Sterben vor? Wo und wie möchte ich sterben? Wann will ich sterben? Dass sich die Menschen in der Schweiz heute mit diesen Fragen beschäftigen und entsprechend den Antworten, die sie darauf geben, entscheiden und handeln, ist Ausdruck selbstbestimmten Lebens. Ihre Vorstellungen eines guten Sterbens und ihre Wünsche werden auf persönlicher, medizinischer, aber auch finanzieller Ebene handlungsleitend. Das Thema «Wünsche und Entscheidungen am Lebensende» wurde in der Ausgabe 4/2018 aufgegriffen. Dabei wurden die oft in die Diskussionen um ein gutes Sterben und den assistierten Suizid eingebrachten Begriffe Selbstbestimmung und Würde näher beleuchtet. In dieser Ausgabe wird der Blick auf die pflegerische, ärztliche und seelsorgerliche Betreuung am Lebensende gerichtet. Der Sterbeprozess und der Tod sind für die Pflegefachpersonen, Ärzte und Seelsorger tägliche Herausforderung, der je neu zu begegnen ist. Insbesondere stellt der Wunsch, mit einer Sterbehilfeorganisation aus dem Leben zu scheiden, die betreuenden Personen vor grosse ethische Fragen. Welche Dienste sind mit dem Berufsethos vereinbar? Befindet sich der eine oder andere Dienst rechtlich in einer Grauzone? Ist Hilfe anzubieten? Und wenn ja, welche? Ist dem Wunsch einer Begleitung während des Sterbens nachzukommen? Solchen Fragen haben sich nicht nur Seelsorger zu stellen, sondern auch die Pflegefachpersonen und die Ärzte.


Maria Hässig