Migration

 

Manchmal sagen Zahlen mehr aus als viele Worte. Weltweit gibt es 250 Millionen Migranten, davon sind 22,5 Millionen Flüchtlinge. Angesichts des Ausmasses dieses Phänomens bewegen zwei Verhaltensweisen unser menschliches Gewissen: Einerseits möchten wir zunächst nachdenken, um geeignete Lösungen zu finden. Andererseits möchten wir auf die unmittelbare Not reagieren durch die Aufnahme, die Unterbringung und die Sorge für diese Menschen. Mit anderen Worten: Reflexion und Aktion.

Im Hinblick auf die Reflexion und die Wichtigkeit dieses Themas hat die Schweizer Bischofskonferenz (SBK) ihr Engagement durch die Schaffung einer Kommission «Migration» im Bereich «Pastoral» verdeutlicht. Parallel dazu haben die SBK und die Römisch-Katholische Zentralkonferenz der Schweiz (RKZ) einen gemeinsamen Projektantrag «Gesamtkonzept Migrantenpastoral» verabschiedet. Auf diese Kommissionen wartet noch viel Arbeit.

Im vergangenen November empfing der Papst die Teilnehmer eines von der Päpstlichen Universität Gregoriana in Rom organisierten Kongresses über die Rolle der katholischen Universitäten im Umgang mit dem Phänomen der Migration. Die wissenschaftliche Erforschung des Phänomens der Migration und seiner Folgen müsse eine Vertiefung durch eine theologische Reflexion der Migration als «Zeichen der Zeit» erhalten, sagte der Papst. Diese könnten damit zu einer verstärkten pastoralen Aufmerksamkeit zugunsten von Migranten und Flüchtlingen beitragen. In dieser Absicht hat die Universität Freiburg am
9. November 2017 einen Studientag über Migration durchgeführt, um so einen Beitrag zur Reflexion zu leisten.

Im Zusammenhang mit der Migration sind schon viele Gruppen aktiv: kirchliche und staatliche Körperschaften, Vereine, NGOs, kleine oder grosse Privatinitiativen. Ich denke z.B. an die Initiative der «humanitären Korridore», die von der Gemeinschaft Sant'Egidio getragen wird. Diese ökumenische Initiative hat sich in Italien und jetzt auch in Frankreich und Belgien bewährt. Bei uns kämpft sie darum, Kirchen und Politik zusammenzubringen. Diese Art des Handelns stellt eine unmittelbare Reaktion auf konkrete Situationen dar.

Gut ein Drittel der in der Schweiz lebenden Katholiken haben eine eigene Migrationsgeschichte. Mit ihrem grossen Schatz an Sprachen, Traditionen und Kulturen bereichern sie das Leben der katholischen Kirche in der Schweiz immer wieder aufs Neue. Die Mitglieder der SBK sind sich bewusst, dass die Migrantenpastoral oder die Seelsorge in den Pfarreien vielerorts sehr viel Gutes aus eigener Initiative gestalten. All diese Arten von Engagement verdienen Dank, Unterstützung und Anerkennung.

Anlässlich ihrer letzten Versammlung besuchten die Bischöfe das Empfangs- und Verfahrenszentrum (EVZ) in Basel, um vor Ort zu sehen, was getan wird und noch getan werden muss, um Migranten willkommen zu heissen, zu schützen, zu fördern und zu integrieren.

+Jean-Marie Lovey, Bischof von Sitten

Editorial

Vielfalt in Einheit

Migration ist ein aktuelles Thema, das bewegt. Migranten sind nicht nur Flüchtlinge, die bei uns Schutz und Aufnahme suchen. Migranten sind auch Menschen, die aus Abenteuerlust oder wirtschaftlicher Notlage ihre Heimat verlassen haben und nun in der Schweiz arbeiten. Manche möchten nur wenige Jahre bleiben, andere den Rest ihres Lebens. Für einige ist der Aufenthalt in der Schweiz ein frei gewählter beruflicher Zwischenstopp, für andere ein Leben im Exil, fern der geliebten Heimat. Wie soll die Kirche auf diese Vielfalt von Biografien, Erwartungen, Hoffnungen und Ängsten reagieren? Als die ersten italienischen Arbeiter in die Schweiz kamen, wurden italienischsprachige Missionen gegründet. Die Kirche ging davon aus, dass die Arbeiter nach ein paar Jahren wieder zurück in ihre Heimat gehen würden und somit keine Integration in die Ortspfarreien notwendig sei. Heute lebt bereits die dritte Generation dieser Arbeiter hier – und auch viele von ihnen besuchen die Gottesdienste der Missione cattolica. Zurzeit gibt es in der Schweiz Missionen für 20 Sprachgruppen. Es stellt sich die Frage, wie wir als die eine katholische Kirche diese Vielfalt leben. Alle Missionen in die Ortskirche integrieren? Als Parallelkirchen aneinander vorbeileben? Eine vielfältige Glaubens- und Lebensgemeinschaft anstreben? Die Beiträge in dieser Ausgabe möchten Anregungen geben, die Vielfalt in der Einheit zu leben.


Rosmarie Schärer