Familie

 

«Wer ist Familie für dich?» Menschen beantworten diese Frage ganz unterschiedlich. Während manche die Kern- familie nennen, also den Partner oder die Partnerin und die eigenen Kinder, gehören für andere die Verwandten im weiteren Sinne dazu. Auch Gotte und Götti von sich oder den Kindern sowie der Freundeskreis werden oftmals als Familie bezeichnet. Und schliesslich zählen Menschen teilweise auch ihren Verein oder ihr Haustier zur Familie.

Diese Offenheit verengt sich, wenn von «deiner Familie» die Rede ist. Ähnlich wie bei der Rede von «der Familie» entsteht bei uns ein Bild, das stark kulturell und medial geprägt ist. Auch wenn in anderen Kulturen «Familie» anders verstanden wird, wissen die in der Schweiz lebenden Menschen, dass in der Regel von der Kernfamilie die Rede ist. Wenn «Familien» eingeladen werden, gehen die meisten Menschen von einem bestimmten Familien- modell aus. Kinderlose Paare, Alleinerziehende und Kinder, die nicht bei ihren leiblichen Eltern leben, fühlen sich schnell nicht gemeint.


An wen denken wir, wenn wir im kirchlichen Kontext «Familien» einladen? «Familie ist, wo man nicht hinausgeworfen wird», lautet ein bekannter Aphorismus. Man könnte auch sagen: «Familie sind Menschen, mit denen und bei denen wir uns daheim, mit denen wir uns verbunden fühlen.» Wenn es uns im Kontext Kirche nicht ausdrücklich um die Kernfamilie geht, sollten wir das deutlich machen: «Wir laden dich und die Menschen ein, mit denen du dich verbunden fühlst.» Oder: «Dich und die, die dir nahe sind.» Statt «Kinder und Elternteil» können wir auch «Kinder und eine Begleitperson» einladen. So können die Angesprochenen selbst entscheiden, wer die richtige Person ist. Und wenn wir immer wieder explizit neben den Eltern auch die Grosseltern, Geschwister, Gotte, Götti, Verwandte und Freunde einladen, trägt dies mit dazu bei, dass Menschen die kirchliche Gemeinschaft als einen Ort erleben, an dem niemand hinausgeworfen wird. Sprache schafft Realität. Sie schliesst aus oder eröffnet Beziehung.

David Wakefield*

 

* David Wakefield (Jg. 1982) ist Studienleiter am RPI der Universität Luzern. Er leitet das Fachzentrum Katechese der Deutschschweiz und ist Mitglied der Redaktionskommission der SKZ.

Editorial

Mut zur Familienpastoral

Der Familie wird in kirchlichen Doku­menten eine hohe Wertschätzung entge­gengebracht. So wird sie als Hauskirche bezeichnet, als eine Gemeinschaft des Glaubens, der Hoffnung und der Liebe (KKK 2204). In «Familia Consortio» (37) können wir lesen, dass die täglich zu Hau­se erlebte Gemeinschaft und Anteilnahme in Freud und Leid die wirksamste Schule bilde für die aktive und verantwortliche Eingliederung der Kinder in den grösseren Raum der Gesellschaft. Konsequenterweise wird im Schlussdokument der Familien­synode gefordert, dass die ganze christli­che Gemeinschaft zu einem Ort werden müsse, an dem die Familien entstehen, sich begegnen, miteinander auseinandersetzen, im Glauben unterwegs sind und Wege des Wachstums und des gegenseitigen Austau­sches miteinander teilen (89).

Angesichts dieser Wertschätzung der Familie frage ich mich, warum sich die Familienpastoral in vielen Pfarreien noch immer auf Kindergottesdienste und den «Eltern-Kind-Tag» während der Erstkom­munionvorbereitung beschränkt. Mangelt es an den nötigen personellen oder finanziellen Ressourcen? Fehlt es am Mut oder an Ideen, fernstehende Eltern anzusprechen? Oder ist die Familienarbeit im Laufe der Zeit einfach unbemerkt aus dem Blickfeld geraten? Die vorliegende Ausgabe möchte durch verschiedene Beiträge zum Thema dazu animieren, die Familienpastoral (verstärkt) in Angriff zu nehmen.

Rosmarie Schärer