Israel: ein Land – zwei Völker

«All meine Quellen entspringen in dir» – der Schlussvers aus Psalm 87 besingt die weltweite Bedeutung Jerusalems. Bei der Staatsgründung Israels war die Stadt noch geteilt, heute ist sie «vereint» und vereinigt die Fragen nach Völkern und nationaler Identität, nach Sprachen, Religionen und Säkularismus auf engem Raum. Bei der Staatsgründung war die Stadt noch geteilt, heute sind es die Meinungen, die zunehmend mehr und tiefer auseinanderdriften. Wie selten ein Thema ist die Frage nach dem Staat Israel emotional hoch aufgeladen. Wenn der Psalm davon spricht, dass jeder Mensch in Jerusalem geboren sei, so sprechen denn auch alle mit, oft mit wenig Hintergrundwissen, dafür mit umso grösserer Vehemenz.

Vor Ostern lief ein Film an, «Wajib», der Einblick schenkt ins christlich-arabische Leben in Nazareth. Ein Road- movie, aber der alte Wagen kurvt einzig in der Stadt umher; Vater und Sohn tragen Hochzeitseinladungen aus. Es ist wie eine Irrfahrt: Wie ist mit den «anderen» umzugehen, den jüdischen Israelis in ihren eigenen Wohnquartieren? Subtil und mit leisem Humor spiegelt der Film eine Vater-Sohn-Beziehung, welche die unterschiedliche Sicht der Generationen auf die politische Realität – aus dem Autoradio immer wieder eingespielt – offenlegt. Letztlich geht es um die Frage: Wie ist mit der politischen Wirklichkeit im Alltag umzugehen? Der Film kulminiert in einer Szene, in der Vater und Sohn sich anschreien. Darf oder soll auch ein jüdischer «Bekannter», eine Art Vertreter des Staates, eingeladen werden? Dem Publikum stockt der Atem: Vater und Sohn, beide haben sie recht, auf ihre Art. Der christliche Palästinenser, der sich arrangiert, versus seinen Sohn, der erlittene Demütigungen nicht unwidersprochen lassen will.

All meine Quellen entspringen in dir: Viel Streit, vermeintlich Unlösbares und verfestigte Meinungen entspringen der Staatsgründung Israels. Es war eben nicht ein Volk ohne Land, das ein Land ohne Volk besiedelte, sondern zwei Völker ringen um Land und alle Völker reden mit.

Mit Israel geht es mir wie mit dem Film «Wajib»: Ich verstehe konträre Meinungen, leide mit beiden Seiten mit und hoffe, dass – in der Sprache des Filmes – bei der Autofahrt die Bremsen nicht versagen.

Thomas Markus Meier*

 

 

*Dr. theol. Thomas Markus Meier (Jg. 1965) arbeitet als Theologischer Leiter in der Pfarrei St. Anna, Frauenfeld TG, ist Präsident des Diözesanverbands Basel des Schweizerischen Katholischen Bibelwerks und Mitglied der Redaktionskommission der SKZ.

Editorial

Mauern boomen

Kilometerlange Grenzzäune und Betonmauern trennen Israel von der Westbank und dem Gazastreifen. Sie schlängeln sich über landwirtschaftliche Flächen, trennen Dörfer und die Menschen von ihren Feldern und Arbeitsplätzen. Sie geben Sicherheit und schützen vor Gewalt. Seit 2017 wird deshalb zusätzlich rund um den Gazastreifen eine 65 km lange, 40 m tiefe Untergrundmauer gebaut. In den letzten Jahren ist weltweit ein Mauerbauboom festzustellen: Zwischen den USA und Mexiko, Südafrika und Simbabwe, Saudi-Arabien und Jemen, Thailand und Malaysia usw. sind Sicherheitszäune errichtet worden, auch innerhalb von Ländern, in Städten und an den Grenzen Europas. Die Aufzählung lässt sich fast beliebig weiterführen. Warum werden im 21. Jahrhundert Mauern gebaut? In einer Zeit, in der weder der globale Fluss von Kapital, Finanzen und Gütern noch die Verbreitung von Ideen über die digitalen Netzwerke noch die Ströme von Menschen durch physische Mauern gestoppt werden können? Nach der Politologin Wendy Brown sind es genau diese globalen Flüsse und Bewegungen, die an der Souveränität der Nationalstaaten rütteln. Mauern vermitteln den Bürgern in dieser Situation ein Gefühl von Sicherheit und Stabilität. Aus Sicht von Brown aber verschlimmern Mauern die zugrunde liegenden Probleme mehr, als dass sie sie lösen (vgl. Brown, Mauern, 2018). Ein Blick in die verschiedenen Länder bestätigt ihre These, wie auch die jüngsten Ereignisse in Israel diese belegen.


Maria Hässig